Tage 6 und 7 L(ockerung)

Blume
Foto: (c) Gerald Wind

Mario moderiert maskenfrei

(gew). Der Chronist hat sich einen Tag gegönnt. In seinem Beobachtungsradius hatte er am Samstag nämlich registriert: Es ist ja fast so wie vor drei Monaten (außer, dass da die Faasend ist die Endphase trat). Wären da nicht die maskentragenden Mitmenschen, das zögerliche Aneinander-Vorbeigehen, die Begrüßung ohne Händeschütteln, kein Bussi-Bussi - man könnte meinen: Es ist nix, rein gar nix. Im Straßenverkehr wie vorher der alltägliche Wahnsinn, Baumarkt-Nachfrage (immer noch).

Einzelhandel, Waren- und Autohäuser verzeichnen keinen großen Kundenandrang – wie auch? Es ist ja genug gehamstert, alle Vorräte müssen erst einmal aufgebraucht werden (an 100 Packungen Reis isst man lange). Das Kundenbegehren richtet sich auf Grillgut. An vielen Fleischtheken herrscht reger Betrieb, soweit es die 2-Meter-Abstandsregel zulässt. 

Zudem gibt es einigen Tagen ein Produkt, dessen Ernte gerade wegen der Pandemie in Frage gestellt war: Spargel. Dank zahlreicher einheimischer und kontrolliert importierter HelferInnen kann in Deutschland die saisonal begehrte Speise kredenzt werden. Schon am späten Samstag-Vormittag ist frischer Spargel (bei Globus) ausverkauft.

08:00 Uhr: Cosi in Merchweiler hat ebenso den „Riemen auf die Orgel“ geworfen wie viele Andere und näht im Akkord bei fetziger Musik weiterhin Masken. Auf Anregung wird später der Zuschnitt geändert.
15:30 Uhr: Am polnischen Verkaufsauto in der Jahnstraße wird brav mit Schutzmaske und im 2-Meter-Abstand ver- und gekauft.
16:00 Uhr: Der Radweg nach Tholey erfreut sich heute besonders hoher Frequentierung. Da laufen die Klingeln der Radler heiß.
 
Immer noch Samstag: Der Chronist hat seinem Freund Michael fasziniert gelauscht. Der ist selbständiger (Academy-)Fahrlehrer und Technik-Freak zugleich. Der einer Dreier-Herrenrunde zählende End-Vierziger stellt die Herren Akademiker (ein RA, ein Lehrer) mit seinem technischen Wissen total in den Schatten. Wenn es etwas am Handy, Tablett oder PC einzurichten oder zu regulieren gilt – Micha ist sofort zur Stelle, weiß Rat und behebt postwendend das Malheur. Micha setzte in kluger Voraussicht schon vor der Pandemie sein technisches Talent ein und rüstete in seinem Unternehmen so auf, dass er aus den Räumen seiner Fahrschule wie aus einem Studio online unterrichten kann.

 

Nein, lach, nicht die Praxis, sondern die (PKW-)Theorie: „Herzlich Willkommen zum ersten Online-Theorie-Kurs!“, begrüßte Fahrerlehrer-Kollege Mario wie ein TV-Moderator seine sieben Fahrschüler/innen, allerdings sah man ihn nur in sitzender Position. Der Berichterstatter durfte Mäuschen spielen und der „Sendung“ live und in Farbe lauschen. Super! Die Resonanz ist, wie man hört, allseits positiv. Und hierzu sei eine Anmerkung gestattet: DAS ist Unterricht der Zukunft, nicht nur an Fahrschulen. Wie Saarland-Today erfuhr, wird ab dem kommenden Semester auch an der Hochschule für Bildende Kunst des Saarlandes Online unterrichtet – sicher nicht nur dort.

Die heutigen kulinarischen Empfehlungen reichen von rustikalem Frühstück bis gehobene (heimische) Gastronomie.
18:00 Uhr: Grillzeit, Schwenkzeit: Dem Saarländer ist sein (für andere Regionen etwas rustikal wirkendes) Gourmet-Zeremoniell lieb und heilig – da kann kommen, was da will, das kann und konnte selbst Corona nicht verhindern. Das herrliche Wetter lädt ja auch dazu ein! Und wer bisher in seiner Behausung zu vereinsamen drohte, der lädt sich (ungehemmt) Gäste ein so wie mein neuer Nachbar, der ohnehin den Begriff „Lockerungen“ sehr weitläufig auslegt: Zum einen lässt er seine Kundschaft und seine Angestellten auf den Parkplätzen parken, die zum Nachbarhaus gehören, obwohl er selbst vor seiner vor einem halben Jahr hochgezogenen Luxushütte ausreichend Parkplatz hat.  Zum anderen stellt er regelmäßig höchst liebenswürdig seine Mülltonnen anlässlich der Leertermine in die Einfahrt meines Stellplatzes. Und drittens ist noch ungeklärt, ob die Emissionen aus seinem Schornstein, ca. 10 Meter von meinem Küchen- und Schlafzimmerfenster entfernt, schädlich sind.
Jedenfalls war dem Geräuschpegel und der Duftnote am Samstagabend zu entnehmen,  dass es hier locker zuging, ca. 10 Personen dinierten unter freiem Himmel übrigens ohne 2-Meter-Abstand – wie unfreiwillig durch Augenscheinnahme zu registrieren war.
Es dürfte keine (unrühmliche) sein: Die in unserer Region nach außen zur Schau getragene Disziplin täuscht nach Auffassung des Chronisten. Immer mehr Mitmenschen versammeln sich zwar nicht in Parks, in Lokalitäten und sonstigen Freizeitanlagen – man trifft sich (heimlich) zu Hause. Da wird, wenn man sich dezent verhält, ja nicht kontrolliert. Und so hört man immer mehr von privaten Zusammenkünften, bei denen die bisher entbehrte soziale Kontaktpflege ohne Umschweife nachgeholt und das offiziell geltende Regelwerk ausgehebelt wird. Siehe dazu auch die Meldung von 13:55 Uhr!

Der „gelockerte“ oder verlockende Sonnen-Sonntag hat es mit den Morgen-News schon in sich. Die geister-Bundesliga rückt völlig in den Hintergrund.
04:43 Uhr: Argentinien verlängert strenge Ausgangsbestimmungen bis 10.Mai – allerdings mit Lockerungen. Für eine Stunde darf jeder am Tag sein Zuhause verlassen, sich aber nicht mehr als 500 Meter davon entfernen.
Vielleicht führen sich hiesige Kritiker, die sich angeblich eingesperrt“ fühlen, einmal zu Gemüte, was „Restriktionen“ sind.
06:18 Uhr: Frankreich kündigt ab 11. Mai schrittweise Lockerungspläne an.
10:23 Uhr: Manche Lebensmittel werden teurer – nicht nur wegen Corona. Frische Lebensmittel wurden 10% teurer. Dürre der vergangenen zwei Jahre, sinkende Nachfrage schlagen auf den Preis. Bei Schweinefleisch ist Corona am Preisanstieg schuld. Gemüse ist teilweise um 27% teurer geworden.
10:00 Uhr: Der Chronist hat nicht nur einen (unsympathischen) Nachbarn, sondern auch die dazugehörige Nachbarin. Diese ist bis dato fast unsichtbar, allerdings hörbar, wenn sie ihren PKW, einen PS-starken Geländewagen, startet – das röhrend-dröhnende Geräusch kündet Kommen und Gehen dieser Dame. Die lag heute Morgen lag sie leib- und livehaftig mit ihren Kindern am und im vorgestern fertig ausgebauten Swimmingpool, der von des Chronisten Balkon einsehbar ist. Aus Datenschutzgründen verzichtet SaarlandToday auf weitere Details einer Beschreibung – es sei nur soviel erwähnt: Es muss einen Grund haben, dass der Nachbar schräg gegenüber vor acht Tagen eine Sitzbank und einen Tisch in seinem Garten aufgestellt hat und dort nun täglich mit Blick auf Wasserbecken und Liegestühle sitzt – seit 18 Jahren hat man den guten Mann dort nicht sitzen sehen. Diesmal trägt Corona keine Schuld: Das neue, kleine Südsee-Flair in Alsfassen macht’s möglich.
12:56 Uhr: Ab Montag geht für weitere Tausende Jugendliche die Schule wieder los. Einen normalen Schulalltag wird’s jedoch nicht geben. Unterschiedliche Regelungen, unterschiedliche Voraussetzungen, unterschiedliche Organisationsformen in den einzelnen Bundesländern sind zu erwarten.
13:55 Uhr: In Grevenbroich wurde ein ganzes Hochhaus abgeriegelt, weil zwei an Corona erkrankte Familien sich nicht an die Auflagen hielten. 450 (!) Nachbarn müssen getestet werden. (Anmerkung: Und das ist garantiert kein Einzelfall.)
14:20 Uhr: 156.513 bestätigte Infektionen, 5.877 Tote (+89 i. Vgl. zum Vortag), 109.800 Genesene. (Quelle: John-Hopkins-Institut).

Da war doch noch was? Ach ja: Maskenpflicht ab Montag. Fünf Millionen (hoffentlich nicht schadhafte) sind bestellt, inzwischen eingetroffen, warten auf die Verteilung. Fünf an der Zahl für jede/n Saarländer/in.
Welch ein Chaos im Vorfeld! Erst hieß es vom Innenministerium, dass die Masken im Briefkasten hinterlegt werden. Dann fühlten sich die Kommunen „überfahren“, als sie zur Kenntnis nehmen mussten, sie sollten selbst für die Verteilung sorgen. Letztendlich wird landesweit die Verteilung unterschiedlich geregelt – man höre und staune! Die meisten Kommunen haben ihre Regelung auf Internetseiten veröffentlicht – einige übrigens schwer zugänglich. Andere Gemeinden haben (bereits am Sonntag) die Alltagsmasken in Briefkästen zustellen lassen, wiederum andere (St. Wendel, Merzig), richten ab Montag so genannte „Drive-In-Stationen“ (PKW, Radfahrer, Fußgänger) oder Ausgabestellen ein. Allein in Saarbrücken sind 77 Ausgabestellen für den Zeitraum von 14 bis 22 Uhr vorbereitet. Hier werden ältere Bürger/innen zuerst zur Ausgabe gebeten, dort ist’s wurscht, wie alt man zu welcher Ausgabezeit ist. Neunkirchen, Homburg, Völklingen, Dillingen, Lebach, St. Ingbert, Püttlingen, Blieskastel, Eppelborn und Mettlach verteilen in die Briefkästen. Ottweiler hat Ausgabestellen und Zustellung, Wadern verteilt schon seit Samstag über die örtliche Feuerwehr, in Sulzbach (erst am Dienstag in der Aula und im Bereich Salzbrunnenhaus) und Bexbach sind Ausgabestellen, Saarlouis und Friedrichsthal „schlafen“ noch – Infos kurzfristig aus dem Internet (na, danke!). Gott sei Dank gibt’s für Risikopatienten, die selbst nicht kommen oder Verwandte schicken können, Alternativlösungen.

In St. Wendel sollen ab Montag früh 10 Uhr rund 4.000 Kernstädter im Bosenbachstadion Schlange stehen. Berechnungen zufolge führt das bei einem korrekt eingehaltenen 2-Meter-Abstand zu einer hintereinander stehenden Fußgänger-Warteschlange fast bis ins Ostertal. 4000 Leute halten 2 Meter Abstand, macht schon 8000 Meter Distanz, plus 1 m² Bewegungszone pro Person = 4000 m dazu , also insgesamt 12 Kilometer). Da sich aber alles per „Drive in“ abspielt, könnte das flüssiger ablaufen, zumal, wenn mehrere Einfahrspuren geschaffen sind. Egal: Im Bereich Bosenbach wird’s wie zu Open-Air-Zeiten zu massenhaften Volksbewegungen kommen.
Wichtig: Den Perso nicht vergessen! Auch den nicht, für den man die Masken abholen soll. Mal gespannt, was da wieder unrechtmäßig ergattert wird. (Erinnert an die Ausgabe des Begrüßungsgeldes nach dem Motto „isch han de Ausweis vergess‘, ei die Oma un de Opa in Alsfassen brauche noch fünf Maske“.    

 

Und nun ham mer de Huddel! Abgesehen davon, dass die Verteilaktionen sehr unterschiedlich verlaufen, gibt’s einige Randerscheinungen.
Rückblende:
08:35 Uhr: Großer Mangel an Masken für Verbraucher, jedoch vor allem bei Ärzten, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen. Laut Gesundheitsministerium wurden bis Freitag rund 133 Millionen Masken verteilt oder eingelagert
11:25 Uhr: China beschlagnahmt mehr als 89 Millionen mangelhafter Masken.
11.30 Uhr: 11 Millionen in die BRD gelieferte China-Masken sind schadhaft – hätten wir wieder deutsche Wertarbeit wie einst, wären wir unabhängig und hätten Qualität.  
12:00 Uhr: In Nalbach wird kritisiert, dass Masken „defekt“ seien. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Mundschutz unsachgemäß ausgepackt und „angezogen“ wurde. (Anmerkung: SaarlandToday hatte schon auf VHS-Seminare hingewiesen.)

Am Montag, 26. April 2020, sind wir nicht „maskiert“, sondern geschützt. Der Chronist vermeidet bewusst die Begriffe „Maskenball“ oder „Maskenfest“  – die verbindet er als aktive

 

St. Wendel ist bereit!Auf dann zum „Maskenzauber“- in Würdigung all derer, die durch ihr uneigennütziges Nähen schöne Mund-Nase-Schutz-Masken genäht haben.  

Zu guter Letzt: Kriegst du keine Maske morgen, musst du nähen oder borgen.

 

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Bilder können ausgerichtet werden (data-align="center"), aber ebenso Videos, Zitate und andere Elemente.
  • Bildunterschriften können hinzugefügt werden: (data-caption="Text"). Auf diese Weise können aber auch Videos, Zitate, usw. ausgerichtet werden.