Tag 19 der Ausgangsbeschränkungen

Steg an einem See
Foto: (c) Saarland Today/Gerald Wind

Alle hielten Abstand – nur einer nicht

Die vergangene Nacht war lang, sehr lang. Schuld waren nicht etwa ein Kasten Bier oder eine Buddel Rum, nein, vielmehr der Mond. Dieser zeigte sich in einem seltenen Naturereignis in voller Größe der Erde näher als sonst. SaarlandToday hatte nächtens keine Mühen gescheut und seine besten Fotografen ausgesandt, um dieses Himmelsspektakel für die Nachwelt festzuhalten.
07.04.2020, 23:50 Uhr: Wolfgang schreibt, der Mond sei für seine Kamera zu hell, worauf der Chronist ihm empfiehlt, im Mondland anzurufen und zu reklamieren. (Der Mann im Mond soll gefälligst den Dimmer einschalten!) Die erfahrenen Lichtbildner diskutieren auf WA, welches Objektiv die besten Ergebnisse bringen könnte, ob man wie einst Münchhausen auf eine Leiter steigen oder ob man den Mond vielleicht mit Hilfe einer Stange etwas näher an die Kamera ziehen solle (in einigen ländlichen Regionen soll er ja abends um 20 Uhr mit der Stange weggeschoben werden). Letztendlich war dann das Resultat sehr ansehnlich – alle Achtung, die Herren! Zur gleichen Zeit bemüht sich nämlich der Chronist, mit dem Mond (ist er eigentlich männlich oder weiblich? Bei den Römern war „er“ eine „sie“, „Frau Luna“ heißt ja auch eine Operette, Französisch heißt’s „la lune“) ein Interview zu führen….eigentlich mit dem Mann im Mond (Gus Backus, 1961, wir erinnern uns!). Denn:
08.04.2020, 04:45 Uhr: Vollmondphase ist erreicht. Der viel- und allseits bestaunte Mond war heute Morgen gegen 4:45 Uhr bis auf 356.910 Kilometer an die Erde herangekommen, sonst sind es 384.400 Kilometer. Größer wirkte er, heller, gesprächsbereiter. Gegen 5 Uhr in der Früh kam von den Fotografen Vollzug der Auftragsausführung („Fotos geschossen!“), der Berichterstatter saß jedoch vor einem leeren Blatt Papier bzw. vor leerer Dateiseite. Des Rätsels Lösung: Die fotografischen Aktivitäten hatten das Super-Model, den begehrten Interviewgast wieder vertrieben – er zog es vor, sich dem Voyeurismus zu entziehen und charmante 28.090 Kilometer weiter zurück in seine gewohnte Entfernung

 

07:00 Uhr: Monduntergang im Westen
Wie erwähnt, lange Nacht (nicht der Messer!) – demzufolge möchte man auch länger ruhen. Fehlanzeige! Um sieben Uhr mitten in der Nacht reißt mich ein Hämmern und Steinsägengeräusch aus dem wohligen Schlaf. Des Nachbarn (der mir immer die Stellplatzeinfahrt mit seiner Mülltonne zustellt) Swimmingpool wird im Außenbereich mit Steinplatten belegt. Der beauftragte Handwerker gönnt mir meine Erholungsphase nicht. Dazu muss er sich mit dem Nachbarn gegenüber (den ich täglich in 300 Metern Entfernung vom Balkon aus erspähe) abgesprochen haben – dieser hat den Rasenmäher angeworfen. Ich liiiiiiiebe diese Geräusche, diese „Konzerte“ elektrisch betriebener Geräte draußen im Freien, die gratis außerhalb von Krisenzeiten nachmittags, wenn ich gerade vom Dienst nach Hause komme und auf dem Balkon gemütlich sitzen möchte, dargeboten werden. Können all die Rasenmäherfetischisten in Zeiten von Corona und Ausgangseinschränkungen nicht mal die Nagelschere zum Rasenschneiden benutzen? Zeit ist doch allemal!
Der Chronist bettet sein Haupt dort zur Ruhe, wo er nicht vom Lärm gestört wird. Allerdings Tiefschlaf wird das nicht mehr – demnach geht‘s unvorhergesehen früher an den Frühstückstisch. Ich revanchiere mich für die Geräuschkulisse mit Dröhnung aus der MC-Reserve: Beatles, Stones, Hollies, Beach Boys, Roy Orbison, Del Shannon, Animals, Spotnicks, Shadows, Ventures – die ganze Palette 60er Oldies – und genieße mein Frühstück.

 

07:44 Uh: Die Kirchenorganisationen teilen mit, dass inmitten der Corona-Krise erstmals Ostern ohne gemeinsame Gottesdienste stattfinden wird. Diese werden im Radio, TV und Internet übertragen.
09:10 Uhr: Infektionen steigen bundesweit auf mehr als 104.000 Fälle an.
09:54 Uhr: Wieder ein böser Fall von Atemschutzmasken-Betrug – diesmal in NRW. (Anmerkung: Leute, seid wachsam!)
10:30 Uhr: 105.323 Infizierte, Todesfälle: 1.947, Genesene: 33.300 (RKI-Schätzung), aktuelle Infizierte 70.076
11:00 Uhr: Einschränkungen bleiben weiterhin bestehen. „Höhepunkt steht noch bevor. Zu früher Ausstieg aus dem aktuellen Modus wäre fatal.“, so MiPrä Hans anlässlich einer Pressekonferenz. Ungewissheit weiterhin über Öffnung der Schulen. KuMi-Konferenz entscheidet darüber nach Ostern. (Anmerkung: Sind wir mal ehrlich: So ganz überraschend ist das nicht, oder?)
12:26 Uhr: Frankreich verschärft die Ausgangssperre ab heute. führt Passierschein für Einreisen aus dem Ausland ein. Gilt auch für Grenzgänger europäischer Binnengrenzen. Unnötige Diskussion also um die hiesige Situation im Dreiländereck. Wer darf, der darf, alle anderen nicht!
12.30 Uhr: Es ist vollbracht! Alle Rasengrundstücke im Umfeld sind gemäht, der Plattenleger nebenan hat die Schlagzahl gesenkt.

Aus Telefonaten mit Freunden und Bekannten ist herauszuhören, dass manch einer den Osterurlaub vermisst, aber nach großer Enttäuschung klingt das nicht – schließlich muss die Gemeinschaft die Vernunft walten lassen. Vielleicht kramt man nochmal alte Urlaubsfotos hervor, erinnert sich an gesündere, virusfreie Zeiten – so wie der Chronist, der an Ostern oft zu abendlicher Stunde an der Glienicker Brücke in Potsdam saß (Titelfoto).

 14.50 Uhr: In Spanien weicht die Ernüchterung der Hoffnung. Erneut steigende Totenzahlen geben Anlass zur Besorgnis.

 

15:09 Uhr: Zunahme der Infiziertenzahl in NRW verlangsamt sich. Deutschlandweit verdoppelt sich die Zahl der Infizierten aktuell rund alle zehn Tage. Deshalb besteht kein Grund zur Entwarnung oder Lockerung des Corona-Modus.
Der Hammer:
15:44 Uhr: Raffkes in Nordfriesland … anders kann man es nicht kommentieren. Da bringen doch tatsächlich Privatvermieter Touristen mit dem Auto z.B. nach Sylt. Manche sollen sogar Schein-Arbeitsaufträge haben. Das kann doch nicht wahr sein! Wir reißen uns im Südwesten den Hintern auf und die Nordfriesen…nicht die Ostfriesen…..es fehlen die Worte. Hart bestrafen! Allerdings kursieren auch hier Gerüchte, dass Schein-Arbeitsaufträge ausgestellt wurden, damit die hiesigen Grenzen passiert werden können. (Anmerkung: Ich wundere mich noch immer über die Anwesenheit von PKW’s mit französischem Kennzeichen an Stellen, wo unmöglich jemand arbeitet. Die Braven, die Ehrlichen werden leider zu Unrecht beschimpft, beschuldigt, kritisiert!)  
16:00 Uhr: Auf der täglichen Radtour weiß man nicht, ob man sich durch einen Mundschutzvor mehr vor dem Virus oder mehr vor den Abgasen der unzähligen PKW’s schützt. Heute ist reger Betrieb auf den Straßen. Ach ja, und die Spritpreise sind gestiegen, wie immer vor Feiertagen – dabei verreist doch keiner in dieser Tagen. Moto-Biker drehen ihre Runden, manche wie gewohnt in kurzer Hose und Sandalen – nötige Fahrt? In der St. Wendeler City in der Schlossstraße fast mehr Autoverkehr als Passanten – seltsam.
17:00 Uhr: Präsidentschaftskandidat Sanders steigt aus dem Kandidaten rennen aus. Das ist dem Chronisten derzeit so wichtig, als wenn in Peking auf dem Großen Platz der Revolution ein Rad umfällt. Oder doch nicht?17:42 Uhr: Kaum zu glauben: Der Umsatz an Toilettenpapier geht zurück. Ausgehamstert hier, allerdings bei Desinfektionsmittel nicht, Umsatz verdreifacht, Trinken die Leute das Zeug?
19:10 Uhr: Weil so viele hierzulande unsinnigerweise immer noch von „Sperre“ reden oder dümmliche Kettenbriefe versenden mal Folgendes zur Kenntnis: In Serbien gilt für das kommende WE eine durchgehende Ausgangssperre von 60 Stunden, d.h. von Freitag 17 Uhr bis Montag 5 Uhr früh darf niemand ohne Sondergenehmigung sein Haus, seine Wohnung verlassen. Die deutsche Wohlstandsgesellschaft weiß gar nicht, was SPERRE im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet!
Beim Nachbarn, dessen Handwerker mich heute früh unsanft weckten,  nebenan sind Osterurlauber eingetroffen. Von wegen Ausgangsbeschränkungen!
19:30 Uhr: In Iserlohn brezelt sich Frau R. für den Abend hübsch – heute ist Hochzeitstag. Ob da Abstand gewahrt wird?
Zu guter Letzt:  Empfehlung eines Insiders für die Zeit nach Corona: „Wenn der ganze Mist vorbei ist, mache ich mir ein paar schöne Tage zu Hause!“ (Text: gew/Fotos: gew, Mona, Willi, Lampelevent)

 

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