Tag 1 M(askenpflicht)

Maskenausgabe in St. Wendel
Foto: (c) Gerald Wind

Masken-Klassen-Gesellschaft

(gew). Der Chronist wechselt ab heute von „L“ auf „M“. Nicht, dass er geschrumpft oder einiger Kilo’s verlustig geworden wäre, nein! Er hat die geneigte Leserschar hier durch die Phase „R“ wie „Restriktionen“, „A“ wie „Ausgangsbeschränkungen“ und „L“ wie „Lockerungen“ navigiert. Ab heute wird durch die Phase „M“ wie „Masken“ geschippert.

Fünf Millionen Masken woll(t)en an den Mann, an die Frau gebracht sein. Die Maskenausgabe erfolgte im Saarland sehr unterschiedlich. In Püttlingen fanden die BürgerInnen schon am Sonntagabend ihr Kontingent im Briefkasten vor, in Saarlouis wurden die BürgerInnen recht spät über Internet informiert (Briefkastenzustellung). Aus letzterer Region kamen auch die meisten Beschwerden: Bevölkerung und Helfer fühlten sich sehr spät informiert, keine Kontrolle (Perso-Vorlage), Mehrfach-Abholungen. Unmut verdrängte Freude, endlich zumindest fünf Masken zu bekommen.

In St. Wendel, in Rad-Fachkreisen oft als „heimliche Hauptstadt Deutschlands“ bezeichnet, ist man zur Maskenausgabe gerüstet. Die Zufahrt zum Bosenbachstadion wird dezent geregelt. Der Kirmesplatz ist teils für die Fußgänger hergerichtet, teils für die aus dem Bosenbachstadion ausfahrenden PKW’s. Dort, wo einst Rod Stewart, Chris Rea, Udo Lindenberg und andere Weltstars bei Open-Airs rockten, ist es bis kurz vor 10 Uhr (Ausgabebeginn) ruhig. Die nordsaarländische Kreisstadt hat in der Vergangenheit unter Bürgermeister Bouillon publikumsträchtige Radsportevents (DM, MTB-EM, MTB-WM, MTB-Marathon und eine Tour-de-France-Etappe), Motorradrennen, ADAC-Deutschland-Rallye gestemmt, „da werden wir das mit der Maskenausgabe auch hinbekommen“, so ein Insider, der alle vorgenannten Veranstaltungen als Berichterstatter und Moderator miterleben durfte.

 

10:00 Uhr: In St. Wendel beginnt die Maskenausgabe mit geringem Andrang. Innenminister Bouillon ist vor Ort in seiner Heimatstadt, Bürgermeister Klär der schon am Vorabend beim Abtragen der Paletten im Sportzentrum geholfen hatte, schaute ebenfalls nach dem Rechten. „Kleine Probleme gibt’s immer“, räumt „Bulli“ ein, einst Stadtoberhaupt in St. Wendel, von denen merkt man jedoch nichts. 3000 Masken seien in einer Stunde ausgegeben worden – damit wären schon früh 600 BürgerInnen versorgt. Jeweils sechs MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung sind bei der Ausgabe für Fußgänger und beim Drive-In zugange, "alles im Griff," sagt Thomas Vogt, Leiter des Ordnungsamtes gegenüber SaarlandToday. Beim Drive-In helfen THW und Feuerwehr – heute schweißtreibende Geschichte, die Sonne beißt ein wenig.
12:15 Uhr: Der Chronist steht allein vor der Ausgabestelle, die von gut gelaunten jungen Leuten betreut wird. Kein Andrang, mehr städtisches Personal als „Kundschaft“. Auch beim Drive-In hin und wieder ein Fahrzeug.  „Wieviele Personen im Haushalt?“ „Zwei.“ „Hier bitte!“ Ratzfatz hat man seine dem Haushalt zustehenden Masken in weißen DIN-A-4-Umschlägen – ohne Vorzeigen des Ausweises (am Rande notiert: Bei der Gelegenheit stellt der Chronist mit Schreck fest, dass sein Perso nur noch wenige Wochen gültig ist.): Mann hätte genauso "Ali Baba und die 40 Räuber" oder "Wolf und die sieben Geißlein"  sagen können. Selbst ein in Rockenhausen zugelassenes Fahrzeug wird ohne Umschweife abgefertigt. (Wie erwähnt, hier haben schon Andere gerockt.)

 

Wer aus gesundheitlichen oder anderen Gründen um Zustellung gebeten hatte, der fand seine Masken schon früh morgens im Briefkasten in einem … braunen Umschlag vor.
In diesem Zusammenhang mal allen HelferInnen, da waren ja auch Freiwillige dabei, ein herzliches „Dankeschön“!

Wie verhält es sich nun mit dem Maskentragen? Da herrscht immer noch einige Verwirrung. Kassiererinnen hinter der Plexiglasscheibe müssen keine Maske tragen. Dort, wo Personal sich beim Verkaufsvorgang bewegen muss, ist eine Maske zu tragen. Im Taxi muss man nicht, jedoch auf eventuelle Aufforderung des Taxifahrers. Beim Frisör ist’s ebenso Pflicht wie im ÖPNV, wobei angemerkt sei, dass Busfahrer gesichtet wurden, die selbst keinen Mundschutz trugen. Kinder unter sechs Jahren, Personen mit Atemnotbeschwerden sind befreit, im Auto ist auch keine Maske erforderlich - und: Personen mit Maskenphobie (!) bleiben masken- bzw. mundschutzfrei. Es sei dem Chronisten ferne, sich darüber zu mokieren, aber, man darf sich ohne Maske überall frei bewegen mit dem Freibrief: „Ich habe eine Maskenphobie.“ Man stelle sich das bildlich vor: Kunde betritt den Supermarkt, wird vom Personal wegen fehlender Maske angesprochen, antwortet den vorigen „Zauberspruch“. Wer nun meint, ein Attest untermauere diese Aussage, der irrt. Alles basiert auf Gottvertrauen!

Es ist demnach zu erwarten, dass einem die MNS-Verweigerer und die MNS-Phoben in nicht geringer Anzahl begegnen werden.

 

„Mahlzeit!“ erschallt es aus den Reihen der Leserschar (danke, es werden immer mehr!). Da sei das folgende SaarlandToday-Fotodokument dem Gaumengenuss gewidmet. Allen, die heute 50 Jahre alt werden, hat Backfee Nicole eine Torte gebacken. Happy Birthday!  

13:09 Uhr: Laut einer Hystreet-Studie  kehren Kunden nur langsam in Innenstädte zurück. Den großen Ansturm gab es immer noch nicht.
13:22 Uhr: Auf dem Flughafen Halle/Leipzig treffen mit  dem weltgrößten Frachtflugzeug 10 Millionen Schutzmasken (Teil einer Großbestellung von 25 Millionen Stück) ein. Empfängerin AKK, umringt von einer so großen Schar an Pressevertretern wie Püttlingen Einwohner hat (na, nicht ganz so viele), schreitet würdevoll und strahlend in des Fliegers Bauch – ohne Mundschutz, ebenso wie ihre Begleitung, die BW-Soldaten, alle Presseleute, von 2-Meter-Abstand ganz zu schweigen; die anschließende PK – ohne Mundschutz, dabei hätte „‘s Gretel“ doch die große Auswahl gehabt. Shitstorm im Netz. Das BMVg will der Sache nachgehen. Ministerkollege Spahn hatte vor wenigen Tagen ungeschützt im Fahrstuhl ebenfalls für „Aufsehen“ gesorgt.
13:31 Uhr: Rahmenkonzept für Kirchenöffnungen steht. Demnach könnten, nach Abschluss der Beratungen, Kirchen wieder schrittweise geöffnet werden. Denkbar sind Einlasskontrollen, Begrenzung der Teilnehmerzahlen an Gottesdiensten sowie Beschränkungen beim Singen.
14:54 Uhr: Das Auswärtige Amt stellt kein baldiges Ende der Reisewarnungen in Aussicht.
15:54 Uhr: Aldi Süd will mit Sensoren die Zutrittszahlen kontrollieren. Auslastungshöchstgrenzen sollen in der Hälfte aller 1.930 Filialen nicht überschritten werden. Ein Ampelsystem bzw. eine Bildschirmanzeige ist ebenfalls im Gespräch, um den Zugang zu steuern. Wehe dem, der bei „dunkelgrün“ noch in den Laden geht!
18:00 Uhr: Der Chronist radelt noch einmal zum Bosenbachstadion. An der Verteilerstation für Fußgänger ist schon „Geschäftsschluss“ seit ca. 30 Minuten. THW und Feuerwehr halten die Stellung beim Drive-In. Insgesamt sei „wenig los gewesen“, meint ein Helfer. Perso-Kontrolle gibt’s nicht. Allerdings fragt der THW-Mann einen Abholer nach der Straße: „Wo wohnen Sie?“ „Völklinger Straße.“ „In welchem Stadtteil liegt die?“ „In Alsfassen.“ „ Stimmt das?“, fragt der ortsunkundige Mann seinen Kameraden, der nickt gnädig. (Anmerkung: In Berlin gibt’s auch Völklinger Straße.)

Der Tag neigt sich dem Ende zu, der Chronist stellt fest: Maske oder Mundschutz – das ist die Frage. Egal: Die Nation hat jetzt eine bunte bzw. einfarbige Masken-Vielfalt, die den Schluss zulässt, wir leben derzeit in einer Mehr-Klassen-Masken-Gesellschaft. Wir sind nicht vermummt (Was soll das Gerede von „Vermummung“?), sondern wir sind drapiert, auch wenn hier und da der Ziehgummi für Schlappohren sorgt. Zwar täte manch einem Mitmenschen gut, wenn er immer so durch die Welt wandeln würde (oh, das war nicht nett, gelle!? Sorry, vielmals!!! Tausendmals!!!), andererseits ist manche schöne Gesichtsfassade hinter bunter Kreation oder einfarbigem Stoff verborgen. Zudem weiß man nicht, ob der/die/das Gegenüber mit uns lacht, uns zulächelt, die Zähne fletscht. (Ist ja übrigens auch das Problem mit den Damen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft den sogenannten Niquab (siehe unten) tragen. Eine wahrlich geheimnisvolle Lebensart, mit der man da plötzlich konfrontiert wird. Mal von den sprachlichen Barrieren ganz zu schweigen: Manche wohl geformte Artikulation verschwindet in den Tiefen eines Mundschutzes.
Zur Klasse I gehört, wer im militärischen Bereich (Gasmaske, Atemmaske, ABC-Schutzmaske) arbeitet, hier spricht man von so genannten Vollmasken.
Die nächsten TrägerInnen gehören zur Klasse II: Im Handwerk, auf Baustellen, im Bergbau muss man sich gegen Staub, Aerosole wie auch bei Farbauftragungen (Spritzpistole) schützen. Hier trägt man Halbmasen, die den Mund-Nasen-Bereich schützen.   
Wer zur Klasse III zählt, trägt partikelfiltrierende Halbmasken (man erinnere sich: FFP), u. a. trug heute das THW solche Masken. Medizinisches Personal trägt Einwegmasken, ordnen wir mal der Klasse IV zu. Und einen solchen Einmal-Schutz hat heute das Volk erhalten. In Kategorie V tummeln sich die Eigenversorger, sprich diejenigen, die selbstgenähte Masken tragen. Last but not least kämen dann noch die Schalträger, Klasse VI. Berücksichtigt man noch die Trägerinnen sogenannter „Gesichtsschleier“, die nicht aus hygienischen, sondern aus religiösen Gründen getragen werden (bei allem Respekt: immerhin fangen sie Partikelchen auf), hätte man Klasse VII. Demnach wäre die Gesellschaft hierzulande in sage und schreibe Sieben-Masken-Klassen aufgeteilt.
In aller Bescheidenheit wird sich der Chronist bis auf Weiteres zwischen den Klassen IV und VI unter Wolken- und Sternenhimmel bewegen.

Kopfschmerzen plagen den Chronisten. Was zieht er morgen an? Welche Maske passt zum Hemd. Es war ja schon im vorigen Beitrag angedeutet, dass die Bevölkerung sich ab heute mega-maskenmäßig outfitet (neue Wortschöpfung). Die Qual der Wahl mutiert zur Wahl der Qual. Für jeden Wochentag liegt eine Maske vor (außer dem Niquab und den hochprofessionellen!) Die ersten Kombinationsversuche seien hier dokumentiert; Vorschläge nimmt der Chronist unter leserbriefe@saarland.today wohlwollend entgegen.

 

22:15 Uhr: Als hätte das ZDF geahnt, dass Deutschland ab heute Masken trägt: Fifty Shades of Grey: Gefährliche Liebe – die feine (Film-Gesellschaft) trägt venezianische (Augen-)Masken. Wäre Klasse VIII – aber nur zu Party-Zwecken, nicht corona-relevant.

Die Abendstimmung des ersten MNS- oder auch Maskentages kommt wieder einmal von Mallorca-Fan Petra Scherer. Von ihrer zweiten Heimat kann sie derzeit nur träumen, sich an schönen Fotos ergötzen – Sonne, Strand und Meer auf Malle bleiben bis auf Weiteres verwehrt.

 

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