Tag 1 L(ockerung)

Fontaine im Stadtpark von St. Wendel
Foto: (c) Gerald Wind

Neue Normalität?

Luftig, luftig war’s heute. Regnen wird’s jedenfalls bis zum WE nicht.
Viel Luft ist zwischen den Corona-Verhaltensregeln in den einzelnen Bundesländern. Schließlich sind ab heute schrittweise Lockerungen der bisherigen Ausgangsbeschränkungen angesagt. (Einige sehen das locker, andere machen schon ihre Lockerungsübungen für die nächste Stufe.) Ziel: Neue Normalität. Zu welchen Wortschöpfungen man in der Politik fähig ist (Kennen wir aber aus der Vergangenheit. Dies bereitet vielen Leuten Kopfzerbrechen. Kritik daran, dass es keine bundeseinheitliche Regelung gibt, übt auch die saarländische Landesregierung. Bayern hat ab kommender Woche Maskenpflicht in Geschäften und im ÖPNV, in Rheinland-Pfalz sind ab heute Zoos (und in Zweibrücken das Outlet-Center) geöffnet, in Laschet-Land (NRW) sind ab heute die Möbelgeschäfte geöffnet. (Der Herr Vorsitz-Kandidat argumentiert: „Wir sind das Land der Möbelbauer.“ Na und, Armin, awwer mir hann de Pitt, de Maas und’s AKK in Berlin, dehemm de Lioner und de Schwenker!) Meck-Pomm hat ab nächster Woche im ÖPNV Mundschutzpflicht. Die Reaktion kommt zugleich von höchster Stelle aus Berlin. Und insgesamt in der Republik verhallt die Aussage irgendwo im Nirwana.

„L“ wie Lockerung schallt es durch die Lande. Kleine Buchstabenkunde gefällig? D-Day meint im Englischen den Stichtag militärischer Operationen. Die Konfektionsgrößen L, M, S sind bekannt. Corona hat noch nicht S, eher XL
oder XXL. Für jeden die passende Größe?
09:51 Uhr: Kanzlerin spricht von „Öffnungsdiskussions-Orgien“. Das wird das Wort des Jahres! In der Tat überbieten sich einige Bundesländer, was die „Lockerungen“ angeht. Und Angela muss diese Formulierung auch nicht zurücknehmen – es ist wirklich so. Die Landesfürsten wollen sich profilieren.
OMS: Ordnung muss sein!

Der Chronist stellt auf seinem „Rundflug“ zwischen WND und SLS nur geringe Unterschiede im Verhalten der Bevölkerung fest. In den Supermärkten geht’s gemäßigt zu. Distanzwahren funktioniert. Lustig wird’s beim Ausweichen, gehst Du links …. ich rechts oder umgekehrt ….. einige Mitmenschen haben jedoch noch nicht verinnerlicht, dass 2 Meter Abstand auch nach links oder rechts gewahret werden kann – es wird immer (auch wegen der Einkaufswagen) suggeriert, dass das nur hintereinander geht. Seltsam nur, dass es bei Kaufland lebach um 8:30 Uhr kaum Eier gibt. So leer wie das betreffende Reagl war’s vor Wochen beim Klopapier. Was’n los?

Nach wie vor missfällt dem Chronisten, dass bei Pieper in SLS die gummibehandschuhte Verkäuferin zahlt und kassiert (bei Globus SLS getrennte Verhältnisse, eine bedient, eine kassiert), mit dem Kunden und der Kollegin spricht und keinen Mundschutz trägt. Weiß ich, welche Partikelchen sie in meine Backwaren absondert?  Andererseits ergeht die Empfehlung, dass man einen Mundschutz tragen soll, um die Absonderung eigener Partikelchen nicht an andere weiterzugeben. Dazu meint mein Advokat trocken: „Das Virus wird nicht über Lebensmittel übertragen.“

11:30 Uhr: Hülzweiler präsentiert sich ruhig, in Saarwellingen hingegen geht’s schon reger zu, Tholey ruhig.

Überall wird der Abstand nach Möglichkeit brav eingehalten. Zwei Meter Abstand vom Nächsten. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Das ist wahre Liebe! DAS soll neue Normalität sein? Nach fünf Wochen Ausgangsbeschränkungen überkommen uns Entzugserscheinungen. Wo ist die Security, die uns den Einkaufswagen desinfiziert? Wo ist die Einweisung, dass wir nur mit Einkaufswagen ins Geschäft eintreten dürfen? Alles Schnee von gestern. Locker vom Hocker, lustig vom Barrett schwingt die Feder – so gehen wir einkaufen. Oder doch nicht?  

Mahlzeit! Feinschmecker, Freunde der Hausmannskost, Veggies, Fastende (bissel früh!) – der Chronist bietet heute etwas quer durch den Garten und die Prärie:

 

15:05 Uhr: Telefon-Krankschreibung  weiter möglich. Sollte ab heute nicht mehr möglich sein, dann nach massiver Kritik von Ärzten Kehrtwende. (Das erinnert an die Echternacher Springprozession (zwei Schritte vor, ein Schritt zurück). Zuständig dafür ist übrigens ein Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen.
15:47 Uhr: Kanzlerin droht mit erneutem Shutdown. (Sprachkurs dazu siehe in den Vortagen.) „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen.“ Und DAS ist die Gefahr!
Kaffeezeit. Backfee Nicole aus Merchweiler erfreut die Leserschaft mit leckerem Backwerk – heute gibt’s sonst keine andere Freude.

 

17:11 Uhr: Media-Markt und Saturn öffnen Märkte (auch im Saarland) auf Teilflächen. Schön, der Chronist braucht zwar einen neuen Stick und einen neuen Scanner – lebensnotwendig ist DAS aber derzeit nicht.
17:41 Uhr:  Chef-Virologe Drosten rechnet mit steigenden Infektionsketten unter Älteren, „weil man sich im Freundeskreis hier und da doch mal weiter trifft oder weil Großeltern eben doch besucht werden.“ Recht hat er. Beispiele könnte der Chronist zuhauf liefern.
18:00 Uhr: Den Chronisten erreicht eine Mail eines Berliner Karnevalsvereins: Sommerfest am 5. September. Sehr Ihr, Freunde, des Vergnügens und der vorprogrammierten Sorglosigkeit, so geht‘s! Hier ein Festchen, da eine Zusammenkunft. Der September ist zwar noch weit, aber Corona ist noch nahe!
18:00 Uhr: Auf Advokats Balkon ist’s kühl, Winde wehen, es ist trotz Sonnenschein ungemütlich im Freien. Outdoor geht nix.
18:52 Uhr: Virologe Drosten warnt vor zweiter Wucht. Lockerungen fallen bei der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden, „doch wie bei einer juckenden Wunde ist es besser durchzuhalten, als den Heilerfolg zunichte zu machen.“ Eine zweite Welle ist nicht mehr kontrollierbar.  

Auch am ersten Tag der so genannten neuen Normalität festigen sich in manchem Familienbetrieb gewisse Gewohnheiten. Die Dame des Hauses kommandiert den Haus“herrn“ den ganzen Tag herum. Er muss staubsaugen und Staub wischen, hilft natürlich gerne im Haushalt. Das männliche TV-Programm, den Sport entbehrend, fokussiert sich auf „Shopping-Queen“ und „Bauer sucht Frau“ – wahrliche Alternativen zu Dart und Bundesliga. Salat dominiert den Speisefahrplan, kein Schweinsbraten, wenig Kohlehydrate, Bier ist gestrichen, Mann und Frau sind näher zusammengerückt. Spaziergänge gehören zum Alltag. Die normale Normalität oder der gelebte Wahnsinn?
20:19 Uhr: Thüringen kündigt ab Freitag  Maskenpflicht in allen Geschäften und im ÖPNV an.
20:24 Uhr: Regel-Wirrwarr verspielt Vertrauen. In jedem Bundesland gilt etwas anderes. Politischer Wettbewerb der Ministerpräsident/inn/en. Politisches Chaos. Der eine lockert, der andere bremst. Wer vorher gebremst hat, lockert jetzt …. und umgekehrt. Spätestens hier sinkt das Vertrauen in die Landesfürsten und – fürstinnen.  Klar, die Wirtschaft macht Druck. Um es aber mal ganz klar zu sagen: Denen ist unsere Gesundheit völlig WURSCHT! Umsatz, Umsatz, täterä – die Aktionäre müssen befriedigt werden. Wir leben im Kapitalismus – und auch geht die Gesundheit des Einzelnen am A…. vorbei. Er müsste jedoch spätestens in Pandemie-Zeiten gemerkt haben: Wenn der Einzelne nicht gesund ist, kann er nix kaufen, also keinen Umsatz machen, ohne Moos nix los, weder unten noch oben. Diese Abhängigkeit haben gewisse Manager noch nicht realisier – sie haben ja ihr finanzielles Schäfchen im Trockenen, können sich ärztlich bestens versorgen lassen, haben garantiert keine selbstgenähte Schutzmaske.  
21:11 Uhr: Zahl der Infizierten steigt geringfügig. Gute Nachricht.

 

Es kann nur besser werden! Oder?

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