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Lebt denn die alte Faasnd noch?
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Lebt denn die alte Faasnd noch?
Dienstag, 23. März 2021 - 15:19
Symbolfoto

Jaaa, sie lebt noch, lebt di-gi-tal“ (gew) Närrinnen und Narrhallesen, merket auf! Stellt Euch vor: Es ist Karnevalszeit – und (k)eine/r spürt es so richtig, kaum eine/r merkt’s. Am Montagmorgen wäre der Chronist (immerhin seit 66 Jahren aktiver Karnevalist) mit vielen Eindrücken vom verhallten närrischen Wochenende aufgewacht, hätte am Sonntag wahrscheinlich den obligatorischen „dicken Kopp“ gehabt, den Kater tagsüber gebändigt und hätte montags auf die zweitausendfach gestellte Frage „Wie war’s?“ eben sooft geantwortet: „Scheen war‘s!“ Aber am Samstag war nix los, sonntags war der Kater einem Glas Rotwein zuviel zu verdanken und montags ging’s topfit an den PC zum Homeoffice. | | In siebzehn Tagen ist alles vorbei – dann ist nämlich Aschermittwoch. Am vergangenen und den beiden kommenden Wochenenden wären zahlreiche Hallen und sonstige Räumlichkeiten Begegnungsstätten ausgelassener Narren. Gardetänze, Büttenreden und Gesang würden das närrische Volk erfreuen. Doch wer denkt gerade in Zeiten eines Lockdowns, nein, sogar eines verschärften Lockdowns an Frohsinn, Heiterkeit und Humor? Am 26. Februar 2020, vor 365plus Tagen klang die Session 2019/20 an Aschermittwoch aus. Die Heringe mundeten zum Kehraus, das Wehklagen der Narren über das Ende der närrischen Kampagne wurde mit tief- und hochprozentigen Getränken weggespült. Abgeschminkt war das Narrengesicht, verpackt, gut verstaut für die Session 2020/21 waren die Kostüme und getreu dem Motto „Nach der Session ist vor der Session“ machte sich der echte Narr schon wieder bereit für die nächste Fünfte Jahreszeit. Die war zwar kalendarisch noch weit weg, wie jedes Jahr, Elfter im Elften war jedoch im Kalendarium der Präsidien, Humoristen, Büttenredner und Tänzer/innen ein zu erstrebender Fixpunkt. In weiter chinesischer Ferne tobte sich da schon ein gewisses Virus aus, mal Covid, mal Corona (nicht verwandt und verschwägert mit einer Biermarke gleichen Namens, aber nicht Quarantäne nach sich ziehend) genannt und hielt, nachdem die närrischen Gardistinnen und Gardisten ihren Ausmarsch vollzogen hatten, einen schmerzlichen Einzug, um nicht zu sagen einen zweifelhaften Siegeszug rund um den Globus. Es jagten sich bis zum Sommer 2020 Maßnahmen, Verordnungen bis hin zu einem ersten Lockdown. Der Sommerurlaub wurde von vielen Mitmenschen noch in vollen Zügen genossen. Manch einer kam mit einem fragwürdigen „Souvenir“ zurück. Sommersonnenlaune ließ das, was weltweit als Pandemie bezeichnet wurde und sein Unwesen trieb, in Vergessenheit geraten. Es war bis dahin schon fleißig beim Narrenvolke geprobt worden, wurde Material für Büttenreden gesammelt, wurden Säle angemietet, Musikgruppen verpflichtet. | | Und dann kam er, der 11.11. – da war er – und keiner feierte draußen die Eröffnung der Karnevalssession 2020/2021, kein Rathaussturm…...den wird’s auch am Fetten Donnerstag nicht geben. Im Vorfeld hatte es von politischer Seite Bedenken gegeben, trotzig hatte man im Bund Deutscher Karneval verkündet: „Karneval fällt nicht aus.“ Klar, aus dem Kalender verschwanden weder die Vokabeln „Fetter Donnerstag“ noch „Rosenmontag“ noch „Fastnachtsdienstag“, auch nicht der „Aschermittwoch“. Standhaft war man bis zur letzten Minute. Alternative Planungen waren plötzlich gefragt und im Zeitalter der Digitalisierung gelang es den Narren, virtuelle Unterhaltung zu gestalten. Man erinnere sich der flott dargebotenen Sessionseröffnung des VSK! | | Die Narren des FKK2000 in Falkensee (Land Brandenburg) haben ihren Rathaussturm schon hinter sich – alles mit Maske und gebührendem Abstand am 11.11.2020 vollbracht. Aber es kam knüppeldick, hammerhart und schmerzlich für alle an Karneval Beteiligten: Keine Aktivitäten, der zweite Lockdown behielt die Oberhand. Keine Sitzungen, keine Darbietungen, kein schunkelndes Publikum. Plötzlich blieben Tollitäten ungewollt weiterhin Regenten über ihr Narrenvolk, gingen quasi in die Verlängerung – ein Novum in mancher Vereinsgeschichte. Nur: Es war ein Regnum ohne aktive Narren, eine Geister-Regentschaft. | | In den Karnevalshochburgen standen und stehen ganze Industriezweige still – Wagenbau, Kostümschneider, Stiefellieferanten, Ordensproduzenten. Doch der wahre Narr lässt den Kopf nicht hängen, trägt auch den Schmerz mit Humor. Flugs keimte hier und da eine Idee, wie man sich und andere weiterhin bei Laune halten könnte – und siehe da, es entstand geschwind die digitale Faasnd quer durch die Republik, es wurden sogar Orden und Pins gefertigt, die das Pandemische mit dem Närrischen in Einklang brachten. Schließlich darf man Karnevalsorden und Pins als aussagekräftige Dokumente zur Zeitgeschichte verstehen. Auf manchem Orden sind Anregungen oder Veräppelungen kommunalpolitischer Themen verewigt. Manche in Ordensgold oder -zinn geprägte Interpretation war zudem auch schon vorausschauend. Die Narren harren weiterhin tapfer aus, üben statt Tänzen sich in Geduld, steigen in die Waschbütt‘, sprich Badewanne anstatt auf die närrische Rostra, sprich in die Bütt‘, lassen ihre Kostüme ein Jahr länger im Schrank, müssen nicht gramgebeugt zum Orthopäden wegen zu vieler am Hals hängender Orden, müssen Frack und Hose nicht in die Reinigung zu bringen und auch das Geld für die beim Coiffeur ondulierte Frisur ist gespart. Welch eine positive Seite ist dieser vermaledeiten Pandemie und ihren damit verbundenen Einschränkungen abzugewinnen! Wenn es nicht heißt „Noch dreimal Lockdown und dann ist Weihnachten“ dann heißt’s frühestens am 11.11.2021 nach Holzmichels Manier „Lebt denn die alte Faasnd noch? – Ja, sie lebt noch, sie lebt noch…!“ |

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