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Saarland Today 2.0

Faasend geht net unner
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Faasend geht net unner
Dienstag, 23. März 2021 - 15:19
St Wendler Weihnachtsmarkt

Prinz und Prinzin im Interview (gew/Narhalla ) Am 11.11202 um 11:11 Uhr hat bekanntlich die Fünfte Jahreszeit begonnen. Aber es bleibt still, die hierzulande aktive Faasend, anderorts Karneval, Fassenacht, Fastelowend oder Fasnet genannt, muss in eine Zwangspause gehen. Doch das trübt die Freude der Närrinnen und Narrhallesen bei Weitem nicht. Hobby ist Hobby, einmal Fastnacht – immer Fastnacht, diese Haltung kann auch kein Corona-Virus ins (Sch)Wanken bringen. Bundesweit sind tausende Prinzenpaare jeglicher Altersgruppen nach ihrer 2019 erfolgten Inthronisation in einer unvorhergesehenen zweiten Regentschaftszeit, wenn auch ohne Publikum. Anlass genug für den unbedarften SaarlandToday-Faasebooz, in einem Telefon-Interview mit vorgeschriebenem Abstand einmal etwas zu klären, was auch mancher Narrhallesin und manchem Narrhallesen nicht so ganz klar zu sein scheint. Zu Wort kommen Prinz Coronus, der erste Unscheinbare und Prinzessin Corona, die erste Ungesehene – beide aus dem (un)adligen Haus der Viren. Aus Datenschutzgründen wollten die Gesprächspartner ungenannt bleiben. SaarlandToday2.0: Herr Prinz, Frau Prinzin….… - Seine Tollität, der Prinz: ....gestatten Sie, lieber Narr, dass ich Sie direkt unterbreche, aber mit der Anrede sind wir nicht so ganz kondom, sorry, konform ….SaarlandToday2.0: ….. ja, bitte, wie hätten Sie’s denn gerne…wir haben da über’s Jahr wenig Erfahrung, schließlich stehen 12 Monate im Jahr andere Themen im Vordergrund, da ist Karneval nur ein Randthema…..was meinen Sie denn? - Seine Tollität, der Prinz: Da kann man Ihnen keinen Vorwurf machen, andererseits kann man sich im digitalen Zeitalter auch ein wenig vorbereiten……gucken, sorry…googeln….Also, sprechen Sie uns bitte mit dem Sammelbegriff „Tollitäten“ an, ich selbst bin „Seine Tollität“, die Prinzessin hingegen wird mit „Ihre Lieblichkeit“ angesprochen. - SaarlandToday2.0: Also: Meine Tollität.Seine Tollität, der Prinz: Ich bin doch nicht nicht Ihre Tollität, nein, also bitte "Ihre Tollität"! - Saar-landToday2.0: Da begreife einer die deutsche Grammatik, nicht meine, sondern Ihre Tollität, Tollhaus der deutschen Sprache, das gefiel schon Christian IX. von Dänemark nicht….. - Seine Tollität, der Prinz: …nur ganz weitläufig verwandt mit uns, denn im Norden feiert man keine Faasend…es gibt nur ganz wenige Ausnahmen…SaarlandToday2.0: …ja dieser fastenlose, sorry, faasendslose Adlige meinte schon vor 300 Jahre: „doitse sprak, swere sprak…. - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin (etwas ungeduldig): Kommen wir mal auf des Pudels Kern, zur Sache bitte, wir haben noch Termine, die Zeit drängt…. - SaarlandToday2.0: …oh, es ist doch Corona-Zeit, alles untersagt….keine Sitzungen, keine aktiven Untertanen…Geisterfaasend sozusagen…. - Seine Tollität, der Prinz: Digitale Termine, mehr als im wahren Leben, wir können mehrere Vereine gleichzeitig besuchen…..Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass wir ein Geister-Prinzenpaar sind…. - SaarlandToday2.0: ….das sei mir ferne …nun denn, Dollität…… - Seine Tollität, der Prinz: ….ein kräftiges “t“ bitte, „Tollität“, vor dem Hinterund Ihrer unreinen Aussprache, Sie sind wohl Pälzer, fühle ich mich nicht so gut….bezogen auf unsere weite Regentschaft in Folge fühlen wir uns saugudd….allerdings das Onlinefenster am Laptop war etwas zu weit geöffnet….Ihro Lieblichkeit sind ein wenig verschnupft…kein Wunder …dünnes Kleid, freie Schulter, kalte Temperaturen…..- Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin: So isses!SaarlandToday2.0: Nebenbei: Ich bin stolz auf meine urpälziosche Abstammung.......Lassen Sie uns endlich zur ersten Frage kommen: Welche Ausbildung muss man absolvieren, um toll, sorry, Tollität, also Prinz oder Prinzessin zu werden?- Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin (leicht hüstelnd): Keine besondere Ausbildung ist vonnöten. Man muss allerdings das närrische ABC vorwärts wie rückwärts beherrschen, eine gesunde Portion muss man auch haben…. - SaarlandToday2.0: …und Geld…- Seine Tollität, der Prinz: …das gibt es vorwiegend in den Karnevalshochburgen….in unserer Region zählt man mehr auf Stammadel als auf Geldadel, die finanzielle Komponente ist zweitrangig, die zivilen Herrscher außerhalb der Faasend werden ja auch nicht wegen ihres prallen Geldbeutels gewählt…..ein Hobby, das nix kostet, ist keins…..schon verrückt, wir haben mal gehört, dass in Trier in den 70ern ein Prinzenpaar einen Kredit von (damals) 10.000 D-Mark aufgenommen hat, um Prinzenpaar sein zu können. Also: Wichtige Voraussetzung ist, dass die Tollitätsaspiranten von edlem saarländischem Geblüte sind….auch wenn es hier und da Ausnahmen gibt. In St. Wendel war mal eine Französin aus der Partnerstadt Rezé-les-Nantes Prinzessin, in Nonnweiler einer „aus’m Reich“….seit Öffnung der saarländischen Grenzen kommen auch Nicht-Sarlänner völlig närrisch an die Macht. - SaarlandToday2.0: Ihre Lieblichkeit, muss frau gut aussehen? Ist das ein Kriterium für die Regentschaft? - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin (noch mehr verschnupft als vorher): Was versteht man(n) unter „gut“? Nächste Frage, bitte! - SaarlandToday2.0: Gut…in der vergangenen Session gab es heftige Diskussionen und auf den bekannten Internet-Plattformen, einen Shitstorm wegen eines gleichgeschlechtlichen Prinzenpaares. Ihre Meinung bitte! - Seine Tollität, der Prinz: Inzwischen ist das ja geklärt. Da ist total was schief gelaufen. Wer die Geschichte des Karnevals auf Bundesebene verfolgt hätte, der hätte wissen müssen, dass es in den Anfängen des Karnevals mancherorts gar keine Prinzessin gab und diese durch einen Mann „ersetzt“ wurde. Zudem sei verwiesen auf das (Männer)-Dreigestirn in Köln. Sich in unserer Region hinter dem Begriff „Tradition“ verschanzt und damit eine zeitgenössische Entwicklung in der Gesellschaft verpennt zu haben, das zeugte von Blindheit. Die Mehrheit der saarländischen Vereine ist ja für eine Öffnung hinsichtlich gleichgeschlechtlicher Prinzenpaare, aber der letzte VSK-Verbandstag hat gezeigt, dass es immer noch so genannte närrische Betonköpfe gibt, denen die Würde des Menschen so wenig bedeutet, dass sie sich in die Aussage „Ja, isch hann jo nix degesche, awwer in de Faasend hot dess nix ze suche.“ flüchten. Diese Leute erwarten, das man ihre Meinung toleriert, sie selbst tolerieren anders Lebende nicht. Das sind keine Faasendboze! - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin: …unglücklich haben sich alle Beteiligten verhalten…der betroffene Verein war nicht mal am Verbandstag vertreten…nun sind die beiden weiblichen Tollitäten auch noch ungeplant eine weitere Session närrisch im Amt, abgedankt hat ja nirgendwo jemand….uns ist nichts bekannt….allenfalls die Kleidung im Schrank und die alte Schachtel im Schrank...sorry, die Insignien in der Schachtel. - SaarlandToday2.0: Zurück zur närrischen Politik: Wie lautet Ihr närrisches Regierungsprogramm? - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin / Seine Tollität, der Prinz (im Chor): Lesen Sie denn keine saarländischen Käs‘blätter? Es gilt das Kennwort AHA. Hier noch mal das Wichtigste aus unserer Proklamation: Es besteht als erste Bürgerpflicht totale Achtsamkeit gegenüber dem Corona-Virus und jeglichen antikarnevalistischen Aktivitäten, sodann absolute Einhaltung der Hygieneregeln unter dem Motto „Keine Schweinerei in der Narretei“ und schließletztendlich Abstand halten zu Mitmenschen, besonders zu Muckern und Philistern! Keine Narrenfreiheit für Faasend-Leugner und karnevalistische Verschwörungstheoretiker! - SaarlandToday2.0: Gibt es dieses Jahr einen Prinzen-Orden? - Seine Tollität, der Prinz: Nein, dazu fehlen das Geld und auch der Anlass. Wir sehen derzeit niemanden, der sich seit dem 11.11.2020 so um die Faasend verdient gemacht hat, dass er dafür einen Orden erhält. Allerdings beobachten wir immer wieder, dass diverse Leute Orden bekommen und als Narr fragt man sich: „Wofür eigentlich?“ Wir unterscheiden gerne in „nötige“, „notwendige“ und unnötige“ Ordensverleihungen. Es gibt ja einen regelrechten Ordenstourismus – man besucht als Funktionär/in diese und jene Veranstaltung, nur um einen Orden zu bekommen. Zudem erhält die un-närrische Obrigkeit so viel karnevalistisches Lametta – wofür? Nur Kraft Amtes. Es müsste umgekehrt sein: Die Narren müssten belohnt werden! Aber – es gibt Vereine, die auch in dieser Kampagne einen Orden auf Lager haben, wir nennen dazu unsere Freunde vom Berliner Carnevalclub und vom KC Spandau sowie den Falkenseer Karnevalclub. Oder die Blätsch Bexbach, die einen originellen PIN an ihre Mitglieder, Helfer und Förderer verteilt. Pins werden von vielen Vereinen angeboten. Ist alles eine Geldfrage, und das sitzt in diesen Zeiten bei den Vereinen nicht locker. | | SaarlandToday2.0: Wie steht's mit dem Nachwuchs? - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin: Das fällt unter Informationsverhütung, spricht: Datenschutz. - SaarlandToday2.0: Gemeint war der närrische Nachwuchs…- Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin : Ach so…nun, es gibt Vereine, die können aus dem Vollen schöpfen, da wird der Karnevalsbazillus quasi fortgepflanzt, andernorts wiederum hat man es schwer und muss auf Leihgaben anderer Vereine zurückgreifen, also Garden und Büttenredner "einfliegen" lassen.SaarlandToday2.0: Dann doch nochmal nachgehakt: Wie sieht es mit der Faasend generell aus. | | Seine Tollität, der Prinz: Vereinsmäßig organisierten Karneval gibt es seit 1381, in der Prägung wie wir sie kennen, gibt es seit 1823 (in Köln), seit 1838 in Mainz. Der St. Wendeler Heimatforscher Gajus Julius Ventulus genannt Doctor humoris causa Gerald Wind hat in einer seiner Fastnachtsdokumentation nachgewiesen, dass im Saarland schon vor 100 Jahren Faasend ähnlich wie in den Hochburgen am Rhein gefeiert wurde. Die Fastnacht hat dort die Napoleonische Zeit – das waren die Anfänge, nämlich die Kritik an der Obrigkeit, die sich in den traditionellen Uniformen und den Büttenreden niederschlägt – sie hat das Kaiserreich sowie eine Diktatur (und eine zweite im Osten der Republik) überlebt, in einer Demokratie wie der unsrigen kann Meinungsfreiheit, ja Narren-Freiheit mehr denn je ausgelebt, gesprochen, gesungen und getanzt werden. Von daher sehen wir, die Tollitäten, auch für Zukunft die gelebte Faasend nicht in Gefahr. Wir sehen ja: Corona belastet uns alle, hat bei manchen Menschen Leid und Sorgen gebracht, aber den tief im Herzen verankerten Humor, gepaart mit Zuversicht und Freude, das kann kein Virus vernichten. -SaarlandToday2.0: Das hoffen wir doch! - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin: Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass in manchen Regionen Faasendsvereine Existenzprobleme haben, unabhängig von Corona. Wir nennen dazu zum Beispiel einige Berliner Vereine, in denen aus Altersgründen keine vereinseigenen Aktivitäten mehr durchgeführt werden…oder andernorts in der Republik, wo das jüngste Mitglied gerade mal 75 Jahre alt ist. - Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin / Seine Tollität, der Prinz (im Chor): Die Faasend an da Saar wird net unnergehn! Alleh hopp dann! - SaarlandToday2.0: Tollitäten, das war sehr aufschlussreich! Wir danken für die närrischen Ausführungen, danken für das tolle Gespräch und wünschen eine gesunde zweite Regentschaft! Alleh hopp! | | Unser Foto zeigt stellvertretend für alle Tollitäten Ihre Lieblichkeit Prinzessin Nicole I. (aus dem Merchweiler Hause Langer) und Seine Tollität Prinz Martin (aus dem Wemmetsweiler Hause Bach), ihres Zeichens in der Kampagne 2017/2018 das erste Prinzenpaar in der Vereinsgeschichte der Illraketen Wemmetsweiler. Das Interview mit den virtuellen Tollitäten führte Luftikus, die Fotos sind von Nicole Langer und der Blätsch Bexbach sowie die historischen Anzeigen aus dem St. Wendeler Volksblatt von 1891 bzw. 1901. (aus Dokumentation "Das St. Wendeler Fastnachtsbrauchtum im Wandel der Zeit, 2002, Autor: Dr. hum. ca. Gerald Wind)

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