Tag 4 der Restriktionen

Geschlossene Ladenzeile mit Hinweisschildern
Foto: (c) Saarland Today/Gerald Wind

Öffentlicher Ungehorsam: Wer nicht hören will, muss fühlen!

(gew). Fröhlich lacht mich die Morgensonne beim Frühstückskaffee auf meinem Balkon an – der wird wohl in den nächsten 14 Tagen zum intensiv genutzten Teil meines Lebens- und Aufenthaltsmittelpunktes. Warum? …später…

Der Kaffee mundet, obwohl er mir bei Zurkenntnisnahme gewisser Fakten eigentlich im Hals stecken bleiben müsste. Der Dax fällt, die Corvid-19-Virus -Infiziertenzahl steigt…im Landkreis St. Wendel 239 (Stand heute morgen)….einzig und allein ist erfreulich das Steigen der Temperaturen…noch…bald wird’s kälter.

Apropos Corvid-19-Virus: In den Medien hat sich der Sprachduktus plötzlich geändert, „Corona“ ist out, „Corvid-19“ ist in.

Von gestern ist noch was zu korrigieren, fällt mir siedend heiß ein. Wir unterliegen in diesen Zeiten manchen Fehleinschätzungen und ordnen auch schon mal eine Nachricht falsch zu, also: Die Feuerlöscher-Attacke war gestern nicht in Merzig, sondern in Bottrop. Generell verbreiten wir keine Latrinenparolen.

Beim Morgenritt auf dem akkulosen Drahtesel  merke ich nichts vom Motto der Stadt „In St. Wendel tut sich was“, es ist allenthalben ruhig. Hier und da ist ein Mensch zu sehen, aber keine Gruppen. Das Bahnhofsportal, das wie ein Schlund allmorgendlich Tausende von Schülern, und Berufspendlern ausspuckt, verharrt in seiner nach wie vor ungepflegten Bausubstanz.

Geschlossene Ladenzeilen, nur die bald den Standort verändernde Glocken-Apotheke in der Bahnhofstraße wirkt wie der Einäugige unter den Blinden. Unzählige gedruckte oder handschriftlich angefertigte Schilder weisen auf die Schließungen und ihre Grund hin. Warum am Eingang zur Dom-Galerie gleich drei verschiedene Hinweise von drei verschiedenen Geschäften angebracht wurden, bleibt ein Geheimnis der Zentralverwaltung.

Der Otto-Normalverbraucher denkt bei Schließungen in erster Linie an die Lebensmittelbranche, an die Geschäfte, in denen man alles, was verbraucht wird, kaufen (und hamstern) kann. Weit gefehlt, denn da sind noch unsere zahlreichen Dienstleister wie zum Beispiel die Fahrschulen. Auch diese mussten schließen, die Belegschaften gehen in Kurzarbeit.

Mit dem PKW fahre ich von St. Wendel nach Saarlouis …unterwegs kein Berufsverkehr, wie ich ihn sonst immer gerade bei Eppelborn erlebe.

Im Globus Saarlouis ist das Blumengeschäft abgesperrt, keine Sträuße, keine Pflanzen, alles verschwunden. An der mit Absperrband kanalisierte Zuwegung zur Backwarenabteilung hole ich meinen geliebten Streuselkuchen (den ich in kluger Voraussicht auch außerhalb von Coronazeiten telefonisch bestelle) ab und stelle fest:  Eine Verkäuferin kassiert, die anderen bedienen die Kundschaft. Bei der Gelegenheit vergesse ich meinen allwöchentlichen Zorn über die Kundenschlangen, die sich gerade samstags dort bilden. Ich muss zum Kaufhaus mit dem großen P und muss an den Ständen des Wochenmarktes vorbei. Schutzlos liegen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Kisten vor den Augen der Kunden – wer garantiert mir, dass hier keiner niest, hustet, drauf atmet? Aber: Das ist in den Supermärkten genauso.

Das große P hat nur seine Lebensmittelabteilung geöffnet, das hat mir eine freundliche Verkäuferin am Telefon schon mitgeteilt, als ich mein ebenfalls geliebtes Dinkelbrot mit Sonnenblumenkörnern zur Abholung bestellt e. Durch einen Nebeneingang gelangt man zur Backwarenabteilung, dort gibt es keine Abstandsmarkierungen und: Das  Verkaufspersonal trägt zwar Handschuhe, berührt aber Backwaren und Geld.

Allerorten sollen die Kinderspielplätze ordnungsgemäß abgesperrt und mit informativen Hinweisschildern versehen ein. Oha, am  Spielplatz in Fraulautern gibt’s keine Absperrung, nur ein schwächlich aussehendes DIN-A-4-Schild,  das beim nächsten Windstoß (es scheint jedoch die Sonne) gleich dem König Virus durch die Lüfte schweben würde.

 

Die Rückfahrt: In Heusweiler stehen Kunden vor einem Handyfachgeschäft im Zwei-Meter-Abstand bis fast auf der Straße – ein Anblick, der sich mir letztmals vor mehr als 30 Jahren in der ehemaligen „DDR“ bot. - Am Kaufland Heusweiler Himmel und Hölle – steht Weihnachten vor der Tür? Kommt Verwandtschaft? Gleiches Bild am Kaufland Lebach: Himmel und Hölle.

In den Nachrichten höre ich: Auf der Teufelsburg bei Siersburg soll eine Corona-Party gefeiert worden sein. Viele denken: Was kümmert mich das Geschwätz derer da oben? Oder: Ich mach‘, was ich will, die dürfen mich nicht einschränken. Man kann nur hoffen, dass es ab morgen aus Kübeln schifft, damit keiner mehr vor’s Loch geht.

Gleichzeitig heißt’s: Ausgangsbeschränkungen werden angedacht. Mehr daztu später…

Abschreckend sollten die Bilder aus Bergamo stimmen – Bestattung per Militär-LKW. Reicht das nicht?

In den Nachrichten hört man stündlich, dass die Zahl der Infizierten steigen wird. Wundert mich das? Nein, denn die seit Tagen vorgenommenen Grenzkontrollen zu Frankreich sind gut gemeint, aber nicht konsequent: Zum Nachbarland sind sie nicht so wie in Österreich möglich, dafür sorgt die grüne Grenze, lassen die Schleichwege noch genug Schlupflöcher – Europa ohne Grenzen, jetzt ha’m wir den Salat, zumal ich einem TV-Bericht vom Vorabend entnehmen durfte , dass es Ausnahme A und Ausnahme B und Ausnahme C gibt, obwohl diese Grenzgänger in einem Risikogebiet wohnen. Mich beruhigt: Bouillon, unser ehemaliges St. Wendeler Stadtoberhaupt „Bulli“, hat in dieser Sache nachgelegt, es werden auch Waldwege kontrolliert bzw. abgesperrt. Und soeben höre ich wieder von einer Ausnahme, wonach das Europaministerium die Sperrung einer Straße im Grenzgebiet aufheben ließ. Wahnsinn!

Übrigens: Baumärkte haben geöffnet und werden zum Kommunikationstreffpunkt von Rentnern und Bastelwütigen. Frisöre haben geöffnet – nach Aussage von Experten „mikrobiologische Tummelplätze“, Physiotherapeuten gingen ungehindert ihrer Tätigkeit nach, nicht nur in dringenden Fällen.

Ortswechsel, Fahrzeugwechsel: Ich rolle auf zwei Rädern durch die trist wirkende Kreisstadt. 13:10 Uhr: Es sind zu viele unterwegs. 13:20 Uhr: Noch immer hat sich nichts geändert

Es verdichten sich vor dem Hintergrund der Nachrichten im Radio, dass um 17 Uhr Einschränkungen bekannt gegeben werden. Es kommt, was kommen musste, was nicht zu verhindern ist. Der eloquente Landesvater verkündet es mit plausiblen Erklärungen: „Ab Samstag 0 Uhr gelten für 14 Tage folgende Ausgangsbeschränkungen:…..“. Ausnahmen gibt’s – es ist ja keine Sperre, die ließe sich auch nicht so leicht durchsetzen. Schließlich muss das ja juristisch abgefedert sein.

18 Uhr, eine letzte“Kontrollrunde“ durch die City: Auf der Mott Jugendliche – eine Vierer-, eine Zehnergruppe, nicht im Abstand von zwei Metern., man trifft sich zum Plausch…und weil zwei Mädels dabei sind, lassen Lautstärke und Bewegungen darauf schließen: Es ist Freitagsabend-Balz.

Die Innenstadt ist tot, zu meiner Verwunderung hat ein Frisörladen in der Schlossstraße noch geöffnet.

In der Balduinstraße, wie auch an anderen Stellen der Innenstadt bietet sich ein Anblick, den der Berichterstatter nur von einstmaligen Automobilpräsentationen her kennt: Die Fußgängerzone als Stellplatz für Autos. In automobilistischen Fachkreisen heißt das: Benzingespräch – nicht im Zwei-Meter-Abstand. Wenn sich da mal die Stahlkarossen nicht auch das Virus einfangen….

Apropos Autos: In der Innenstadt haben einige PS-Protze (besonders BMW, Porsche, Audi Quattros), aber auch andere PS-Möchtegerne kleinerer Modelle die Bahnhof- , die Wendalinus- und die Kelsweilerstraße sowie den Tholeyerberg als Ersatz für den Nürburgring entdeckt. Die alte Motorsporttradition lebt dank König Virus in St. Wendel wieder auf.  

Kennen wir aus der Antikensage vom Herakles: Der schlug der bösen Hydra einen (von neun) Köpfen ab, da wuchsen gleich wieder welche nach. Aber der Sagenheld hat das Unvieh besiegt. Geht doch!  

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