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Quo vadis, Amerika?
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Quo vadis, Amerika?
Dienstag, 23. März 2021 - 15:12
Symbolfoto

(gew) Freunde so genannter Sandalenfilme erinnern sich – wie der Chronist – an die legendäre Filmszene aus „Quo vadis?“ mit Peter Ustinov als Nero, der das brennende Rom (historisches Datum: Juli 64) besang. Die etwas Älteren unter der Leserschaft wiederum erinnern sich – wie der Chronist – an den 21./22.12.1989, als das protestierende rumänische Volk mit Buhrufen vor laufenden Kameras seinen Diktator Ceaucescu zur Flucht nötigte. Übrigens war dies damals die erste TV-Live-Übertragung einer Revolution. 2004 war die Welt Augenzeuge einer Revolution in der Ukraine.
Vorab: Es waren nicht die Heiligen Drei Könige, die, einem Stern folgend, in Washington auf ein bestimmtes Ziel zusteuerten und somit den 6. Januar 2021 in die Geschichtsbücher einkehren ließen. Dieser Dreikönigstag präsentierte der Welt live und in Farbe ein zu erwartendes Ereignis, das sich wie die vorgenannten Ereignisse fest ins Gedächtnis der Zeitgenossen einprägen wird.

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Der singende Nero war, so ist historisch belegte, nicht der Brandstifter Roms, ob er wirklich beim Anblick der brennenden Stadt seine „Gesangskünste“ darbot, liegt ebenso historisch im Nebel. Die damaligen Ereignisse in Rumänien waren inszeniert und sicherten den dortigen über Nacht zu „Demokraten“ mutierten Postkommunisten die Macht.
Weder Gesang wie einst in Rom noch ein „kurzer Prozess“ wie in Rumänien begleiteten einen unfassbaren Angriff auf die vielgepriesene „beste Demokratie“ der Welt, auf deren Symbol, das Kapitol, und degradierten eine vermeintliche Weltmacht zu den traurigen Staaten von Amerika. Besonders traurig auch deshalb, weil fünf Menschen ihr Leben verloren – was vermeidbar gewesen wäre, wenn nicht ein uneinsichtiger Wahlverlierer in geschickter demagogischer Weise seine fanatischen Anhänger „zum Marsch auf die Avenue“ aufgefordert hätte, wohlwissend, dass dies nicht in Flower-Power-Manier geschehen würde. Outfit (Kampfanzug, Helm, Rucksack) und Ausrüstung (Kabelbinder, Besenstiele, Fahnenstangen) der „Aufständischen“ ließen unfriedliche Absichten erkennen.
Fassungslos musste man als TV-Zuschauer miterleben, dass ein Staatsgebäude jämmerlich geschützt war, dass sich die Eindringlinge sehr gut im Inneren zurechtfanden. Da standen Personen in einer an einer Kapitolfassade herabgelassenen Gondel und schwenkten Fahnen. (Es müssen interne Helfershelfer mit am Werk gewesen sein.) Mit Erschütterung nimmt man die nachträgliche, immer mehr Details ans Licht fördernde Berichterstattung zur Kenntnis, dass sich an diesem
Sturm auf das Kapitol sogar Politiker beteiligten. Selfies, Videos geistern durch die Social-Medien, „Souvenirs“ aus dem Parlamentsgebäude werden wie Trophäen präsentiert.
Unfassbar: Aus sicherer Distanz in einem Bunkerzelt verfolgte wie einst Ustinov-Nero der Marsch-Initiator das Treiben und rief später zwischen zwei Staatsflaggen stehend, geschickt inszeniert, nicht wie sonst freisprechend, sondern vom Teleprompter lesend seine Anhänger auf „Bleibt friedlich, liebt euch, geht nach Hause!“. Schmierenkomödie! Ustinov spielte seine Rolle besser.
Übrigens: Der vorletzte Sturm auf das Kapitol liegt stolze 107 Jahre zurück. Im August 1814 drangen im britisch-amerikanischen Krieg die Briten ins Kapitol ein und brannten es (wie alle öffentlichen Gebäude) nieder – das war’s dann aber auch!
Fragen über Fragen
Wo war die Polizei?
Wie ist das Kapitol geschützt?
Wieso konnten Personen in Kampfanzug und mit Waffen eindringen?
War das von langer Hand geplant?
Warum mussten fünf Menschen sterben?
Einige Fragen wurden schon in der allgemeinen Berichterstattung beantwortet, andere kamen hinzu, wiederum andere bleiben noch offen.

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Gibt‘s nichts Wichtigeres, was uns bewegt?
Die geneigte Leserschaft möge es dem Chronisten nachsehen, dass er so weit ausgeholt hat, um darauf aufmerksam zu machen, was uns alle in der vergangenen Woche bewegte.
Der Corona-Lockdown, der sich wie vorausgesagt zum Longdown ausgeweitet hat, hält uns alle noch fest im Griff. Das Thema „Impfung“ beschäftigt uns nach wie vor, mit Pro- und Contra-Argumenten. Die Existenz von Geschäftsbetrieben und somit von Millionen Arbeitnehmern steht auf dem Spiel. Kurzarbeit ist in vielen Betrieben angesagt und somit mancher Geldbeutel dünner geworden. Home-Office, Online-Unterricht haben den Alltag verändert, fast menschenleere Straßen und öffentliche Plätze sorgen für eingeschränktes soziales Leben.
Es gibt ein russisches Sprichwort: „Russland ist groß, der Zar ist weit.“ Es belegt einerseits die Größe des Landes, zum anderen die Tendenz zum Chaos. Die USA sind groß, Tendenz zum Chaos gab es bis vor knapp vier Jahren nicht – bis ein gewisser damals gewählter Präsident - den Namen streicht man besser aus dem Gedächtnis vier Jahre lang eine Nation über Twitter nahezu autoritär regierte. Und der hat auch noch einen deutschen Großvater („en Pälzer“), was vielleicht die kleine Demo in Ramstein vergangenen Woche erklären mag (Nein, das waren von ihrem Vorbild überzeugte „Trampeltiere“. Die „Pälzer“ sind von Hause aus friedlich – meint der sich auf eine „Pälzer“ Großmutter väterlicherseits berufende Chronist!)
Was geht uns das an?
Es ist zwar nicht zu erwarten, dass Unzufriedene den Landtag am Saarufer erstürmen (es gab und gibt ja in coronafreien Zeiten genug Besuchsmöglichkeiten des Gebäudes mit zivilisierter Führung, allerdings mit Füßen auf dem Tisch des Parlamentspräsidenten oder gar das Rednerpult klauen – absolutes NO GO!) Jedoch haben wir auch im Sommer im TV gesehen, dass der Reichstag wenn auch nur „ein wenig“ bis zu den Stufen „gekapert“ werden konnte. Und: Dass von Politikern der rechten Opposition eingeschleuste Besucher sich frei und unbeschwert im Reichstagsinneren bewegen konnten.
Was bleibt?
Es bleibt das Entsetzen bei denjenigen, die sich an Ordnung und Gesetz halten. Hinzu gesellt sich die Sorge, wie verletzlich der Staat sein kann.
Hassreden, Aufstachelung, Verächtlichmachung der Demokratie sind, wenn auch in der Minderheit, sind an der Tagesordnung, sind einfacher auszuleben als noch vor vielen Jahren. Anstand, Gutgläubigkeit, Respekt, Würde sind dahin.
Alarmglocken müssen klingeln!
„Sei gewarnt, Deutschland!“ schreibt der Journalist Patrick Diekmann in einem Kommentar. Er und auch andere Kommentatoren zeigen auf, dass die Stürmung des Kapitols in Washington der skandalöse Tiefpunkt der Amtsführung eines Präsidenten war, der eigentlich einen Eid auf die Verfassung geschworen hatte, seit seinem Amtsantritt jedoch immer wieder dagegenhandelte. Die daraus resultierende Bewegung bleibt eine Gefahr, die weder am Abend des 6. Januar beendet war noch mit dem 20. Januar beendet sein wird. Manche Historiker sprechen sogar von der Gefahr eines Bürgerkrieges in den USA.
Es soll an dieser Stelle kein Horror-Szenario entwickelt werden. Aber Entwicklungen, wie in den USA zu beobachten, gibt es unter anderem auch in Europa – wenn auch noch nicht in diesem Ausmaß. Dazu schreibt Diekmann: „Deshalb sollten Europa und Deutschland die Eskalation der Gewalt in Washington und die Gefahr durch einen Präsidenten wie Trump vor allem als Warnung verstehen: Wehret den Anfängen!“
In der amerikanischen Gesellschaft hat sich ein tiefer Spalt aufgetan. Im Vergleich zu den USA bietet in Deutschland der Sozialstaat den Menschen mehr Schutz, die Gesellschaft insgesamt ist progressiver, die Menschen nicht in so großen Teilen streng gläubig.
Populisten und Demokratieverächter sind jedoch aktiver als je zuvor. Der versuchte Sturm auf das Reichstagsgebäude im August 2020 kann als Vorstufe der Stürmung des Kapitols in Washington betrachtet werden.
„Bitte, bitte!“ und Appelle an Anstand und Solidarität genügen nicht! Im Zeitalter von Medien und Netzwerken, in denen sich unkontrolliert und in Grauzonen verschwörerische und vielleicht auch umstürzlerische Tendenzen ungehemmt entfalten können, müssen wir nicht nur vor dem Corona-Virus, sondern auch verlässlich als Staatsbürger vom Staat vor Aufruhr, Umsturz, zügelloser Gewalt geschützt werden, wir müssen achtsam sein (nicht denunzieren!), vorsichtig sein, nicht wegsehen.
„Wut darf man nicht mit Wut begegnen, denn das lässt die Risse immer größer werden.“ (Zitat Diekmann) Und: Wir dürfen keinem Politiker die Chance geben, die Wut und das Misstrauen im Volk für sich politisch zu nutzen.

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„Brandstiftung“ ist eine Vokabel, die Beginn und Tragweite zugleich beinhaltet.
Gezündelt ist schnell – das Löschen dauert länger.

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