Tag 25 der Ausgangsbeschränkungen

Marktstand in Saarlouis
Foto: (c) Willi da SIlva Borges

Hätten Sie’s gewusst? – Es sind Osterferien!

„Ach, ist das schööööööön! Ach, ist der Rasen schön grün!“ Beim Rundumblick vom Balkon fallen dem Chronisten am Morgen die saftigen Farben auf. Doch des das Frühstück genießen wollenden Betrachters Gedanken werden jäh gestört: „Ja, wo laufen sie denn wo laufen sie denn hin?“ (Beide Zitate übrigens original von Wilhelm Bendow, später von Loriot übernommen.) Des Rätsels Lösung: Es gibt ein Gratis-Solo-Konzert (nicht von Bocelli wie gestern im leeren Mailänder Dom) eines Rasenmähers, hinter dem ein arbeitsamer Mitmensch läuft, um den saftigen Rasen zu mähen. Also, nix wie die Flucht ergreifen, rein in die Stube, dort frühstücken. Wie die geneigten LeserInnen auf den Fotos sehen, geht‘s in Falkensee heute etwas rustikaler zu, hingegen wird im Saarland fleischlos gedinnert.

 

Die das Frühstückmahl begleitende Internetlektüre zeigt währenddessen auf, dass immer noch alle begriffen haben, welch ein Damoklesschwert von Infektionsgefahr über uns hängt: In Berlin hat eine Mutter eine 2,5-Zimmer Wohnung gemietet, damit ihre Tochter mit 31 Gästen den 17. Geburtstag feiern konnte. – In München wurde eine Grillparty im Innenhof eines Studentenwohnheim (51 Personen) von der Polizei gesprengt. (Da werden sicher die gutbetuchten Väter dieser feinen studierenden Gesellschaft den einen oder anderen Advokaten bemühen, um die unvernünftigen Sprösslinge herauszuhauen.). Sagt mal –geht’s noch? Man kann nur die Aussage von Gerhard Spörl dick unterstreichen: „Mir macht es keinen Spaß, die Quarantäne einzuhalten, aber besser als Tod ist Selbstdisziplin.“  

Seit 25 Tagen Ausgangsbeschränkungen. Keine Gesänge mehr auf den Balkonen, kein Applaus für Polizei oder Feuerwehr, keine Kerzen abends in den Fenstern, keine Rede mehr von Engpässen bei Klopapier (habe noch 100 Rollen!) oder Küchentücher (habe noch 50). An vielen Stellen wird (verständlicherweise) gejubelt über die Genesenen.

Auch wenn der Wochenmarkt in Saarlouis mau besucht war (liegt vielleicht daran, dass noch immer keine Schutzmasken beim Verkauf offener Lebensmittel getragen werden?), so beobachtet man andernorts reges Treiben.  Die Kühlschränke sind (schon wieder) leer, Aldi und Lidl haben ihre Wochenbeginn-Angebote, die Baumärkte brummen. Es sind Osterferien und draußen gewinnt man den Eindruck, es normalisiert sich alles wieder. Wären nicht die Gesichtsmasken in allen Farbschattierungen und Mustern, man hätte den gewohnten Alltag vor sich. Ist es eine Scheinwelt, in den wir gerade leben? Es gelten nach wie vor die auferlegten Einschränkungen – wir müssen nur genau lesen, ob und wie man die Beschränkungen lockern könnte, wann und wie man aus der derzeitigen Situation aussteigen könnte.
Tagsüber im TV PK’s und Statements von Politikern.  Den Germanisten erheitern die vielen Konjunktive, mit denen in manchen Reden jongliert wird. Untermauert werden „würde…könnte…hätte…sollte…..“ mit „sofern….wenn….dann müsste…“ und als Stützkorsett für diese ganze Wortakrobatik dienen Sätze wie „…begleitet von Vorsichtsmaßnahmen….aber dann muss….“. Lange Rede, kurzer Sinn: Man muss keine Fachfrau, kein Fachmann sein – es wird nix zu lockern geben, in Umfragen ist die Mehrheit der Bevölkerung für die Aufrechterhaltung der derzeitigen Maßnahmen. Und sind wir doch mal ehrlich: Abgesehen davon, dass durch Kurzarbeit oder Geschäftsschließung natürlich die finanzielle Situation mehr als unangenehm ist – wir haben uns doch alle an den neuen Tagesrhythmus gewöhnt: Länger schlafen, ausführlicher und gemütlicher frühstücken ohne Zeitdruck, keine Hetze zur Arbeitsstelle (nicht für alle!), den ganze Tag im Haus werkeln, Familie um sich herum, TV fast rund um die Uhr  … und … und …. (ja, da war noch was, aber zur Zweisamkeit schweigt des Sängers Höflichkeit)

15:15 Uhr: Hessen will bei der Öffnung der Schulen mit den Abschlussjahrgängen beginnen.
15:25 Uhr: Sachsen (wo die Mädels auf den Bäumen wachsen) kündigt einen eigenen Exit-Stufenplan an.
15:27 Uhr: Herr Laschet warnt vor Alleingängen der Landesregierungen hinsichtlich des Corona-Ausstiegs.
Morgen um diese Zeit wissen wir mehr – nach der Telefonkonferenz der MiPrä’s mit „Anschela“.
16:01 Uhr: Froh stimmt uns die Kunde, dass Deutschland sicherstes Land in Europa in der Krise ist. Welt weit ist es übrigens Israel. (Quelle: Denkfabrik Deep Knowledge Group).
16:34 Uhr: Leopoldina-Papier wird von Gewerkschaft und KiTa-Verband zerpflückt (war doch klar, wann waren diese Damen und Herren letztmals vor Ort in einer Schule oder einer KiTa?) Gerade kursiert das Wort „Risiko-Klassenzimmer“ im Internet….
17:23 Uhr: Welch eine Erkenntnis einiger US-Gouverneure! „Der Präsident ist kein König!“ (Es geht um Trumps Beharren auf seiner absoluten Weisungsbefugnis in Krisenzeiten.) Man darf auf den US-Wahlk(r)ampf gespannt sein!

Beim Radeln durch’s leere und stille Städtchen gerät (nicht nur heute) ein Werbeschild ins Blickfeld, das dem Chronisten schon seit längerer Zeit Kopfzerbrechen bereitet. Auf diesem Schild heißt es vollmundig „Saarländer trifft man Saarländer überall –selbst im britischen Königshaus“. Gezeigt wird Herzogin Luise, die einst als vom Ehegesponst nach St. Wendel Verbannte im damals noch unbedeutenden Städtchen schnell an Beliebtheit gewann und manches positiv bewegte. Geboren wurde die Adlige 1800 in Gotha – weitab vom Land an der Saar, das damals noch lange nicht „Saarland“ hieß; dann lebte sie gerade mal knapp sechs Jahre in St. Wendel und verstarb 1831, als das Saarland noch nicht Saarland hieß. War da nicht neulich etwas zu lesen von „100 Jahre Saarland“ im Jahre 2020? Wie dem auch sei: Flugs wurde aus der Thüringerin eine Saarländerin. (In der Werbung ist fast alles erlaubt!)

 

Aber wir kennen das ja: Hat irgendwann irgendwo ein berühmter Mensch (außerhalb von Coronazeiten) gehustet oder geniest, die Toilette benutzt oder sein müdes Haupt gebettet, dann wird dies meist halb-interessierten Touristen mit einem schönen Schild am Haus zur Kenntnis gebracht.  Im Falle Luise (für Nicht-Historiker: Sie wird als Stammmutter der Windsors bezeichnet.), deren Lebensfreude, Aufgeschlossenheit und auch Aufmüpfigkeit gegen den Ehemann an Lady Di erinnert, findet man in St. Wendel mehr genügend aussagefähige Dokumente. (Anmerkung: Das schriftliche Anliegen des St. Wendeler Bürgermeisters, man möge doch im britischen Königshaus Luise vielleicht mal durch den Besuch eines Mitgliedes der Windsors in der nordsaarländischen Kreisstadt würdigen, wurde höflich wie auch ablehnend beantwortet. Der Chronist meint: Lady Di wäre gekommen.)

Gestern hatten wir’s mit Tanja, der Tief-Kämpferin, heute lässt uns Hoch „Niklas“ bei kühler Luft noch einmal mit dicker Kleidung auflaufen. Die Aussichten auf wärmeres Wetter bleiben gedämpft.
In Berlin harren die drei „Schatzis“ darauf, dass sie endlich wieder in ihre Laube und sich Igeln, Meeries und dem Garten widmen können. Hermann aus Marpingen sitzt in Spanien fest – er hatte seine Tochter Anke besucht, der planmäßige Rückflug von Valencia nach Frankfurt wurde gecancelt –jetzut hat Hermann mehr als zwei Meter Abstand von seiner daheim gebliebenen Ehefrau Renate. Anna in Freiburg schreibt weiterhin an ihrer Doktorarbeit. Und Manuel Neuer ärgert sich über den FC Bayern.
 
Zu guter Letzt: Die krasseste Phase wird sein, wenn nix passiert und alle Deutschen ihre 100 Kilo Nudeln, 50 Kilo Reis essen und dafür hinterher 300 Rollen Klopapier verbrauchen.

 

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