Tag 22 der Ausgangsbeschränkungen

Schiff an der Anlegestelle unterhald des Staatstheaters in Saarbrücken
Foto: (c) Gerald Wind

Gefahr erkannt – Gefahr noch nicht gebannt

Ostersamstag 2020, strahlendes Wetter (noch! Ab Montag kippt’s, die warmen Sachen wieder rausholen!) Schon ab 7 Uhr ist’s auf den Straßen sehr lebendig. Ausflügler? Wohl kaum. Spätestens ein Blick vor den Eingang von Aldi in St. Wendel belehrt den Chronisten schnell eines Besseren: Kundenandrang. Gestern war Feiertag, vorgestern Einkaufsmöglichkeit …. Kühlschrank schon leer, Vorräte aufgebraucht? Bei Kaufland in Lebach gediegener Betrieb, bei Lidl Lebach kaum was los, bei Globus in Saarlouis wie immer viel, aber nicht die Hölle (die französische Kundschaft fehlt), bei Pieper in der Lebensmittelabteilung hingegen kleines Chaos. Spätestens dort macht das Einkaufen keinen Spaß. Vor der Backwarenabteilung muss man sich in eine Reihe stellen, schön 2 Meter Abstand. Wenn jetzt noch zehn Kunden kommen, muss die Geschäftsleitung einen Durchbruch machen oder die Leute stehen spiralförmig. Eine „betuchte“ Dame (Mundschutz) weist freundlich die verunsicherten an ihren Stehplatz – ja, wir Wessies sind Schlangestehen nicht gewohnt. Ich bin an der Reihe. Die Verkäuferin sucht mein vorgestern telefonisch bestelltes Brot, fragt eine Kollegin, ob es eine Dauerbestellung ist, nein, sucht das Brot, kommt mit leeren Händen zurück. Fünf Minuten dauert’s, dann rücke ich ab an eine andere Theke. Denn: Ein schlauer Mensch hat sich einfallen lassen, dass Brotbestellungen dort abgeholt werden, wo sonst Espresso, Café au lait oder „Kremörchen“ genossen werden. „Welche Bestellung? Auf welchen Namen? Moment, da muss ich an die Backtheke gehen.“ Zeitverlust, hinter mir warten (geduldig?) andere Kunden. Der nette Mitarbeiter dreht sich mehr im Kreis als ihm lieb ist, wäre überflüssig, wenn ich wie sonst auch Brot wie sonst auch immer an der Backtheke in Empfang hätte nehmen können.  Endlich hab ich’s, nach geschlagenen sechs Minuten! Elf Minuten plus Schlangestehen – dem genervten Brotkäufer schwant, dass Pieper vielleicht morgen doch geöffnet hat (so wie gestern), um alle Kunden zufrieden zu stellen (dürfen tun sie’s ja!)

Aufgefallen ist dem Chronisten die unterschiedliche Zahlungsmöglichkeit. Einerseits wird auf bargeldlosen Zahlungsverkehr verwiesen. Nun muss man aber in einigen Geschäften nach Auflegen oder Einführen der Bankkarte noch seine Geheimnummer (meine ist 4711) eingeben und auf „Bestätigen“ drücken., Eiderdaus, da habe ich mindestens genauso viel Bakterien und sonstige unliebsame Gäste an meinen Fingern wie beim Berühren von Geld. Desinfiziert wird hier nicht, im Gegensatz zu den Einkaufswagen.
Apropos: Einige Supermärkte darf man nur mit einem (desinfizierten) Einkaufswagen betreten. Grund. So hält man Abstand. Lachhaft: Denn im Ladenlokal selbst schwirren die Kunden kaum in Zwei-Meter-Abstand umher, weil die Gänge zwischen den Regalen dazu gar nicht ausgelegt sind. An Obst- und Gemüsetheke kann man den Abstand auch kaum wahren.

Vor vielen Supermärkten steht ein Zerberus (weibliche Form gibt’s nicht, weil das Vieh dieser Sage des Klassischen Altertums männlich war), also, weibliche und männliche Security-Leute (übrigens auffallend viele Ausländer, die sich hier ein kleines Zubrot zum bescheidenen Geld vom Job-Center dazu verdienen können) gewähren Einlass mit oder ohne desinfiziertem Einkaufswagen, weisen auf den Abstand hin. Die Arbeitsauffassung ist jedoch sehr unterschiedlich. In Lebach (Kaufland) desinfizierte der „Sicherheitsbeauftragte“ die Einkaufswagen x-beliebig, bei Aldi Lebach stand keiner, bei Lidl Püttlingen sehr gewissenhaft (30 Meter Schlange stehen), bei Globus Saarlouis auch nicht, bei Edeka in Köllerbach legte die zuständige Dame große Aufmerksamkeit an den Tag – einzig und allein wenige Meter gegenüber bei Aldi blinzelte der „Sheriff“ munter in die Sonne, widmete sich seinem Handy und flirtete für drei Minuten mit der rauchenden Kassiererin. Arbeitsauffassung sieht anders aus.   

Auch heute sei das Kulinarische nicht vergessen. Vorab: Da haben gestern einige „Sünder“ doch glattweg an Karfreitag „Gefillde“ bzw. Hähnchenstrampel mit Kartoffelpüree gegessen! (aus Datenschutzgründen nennen wir keine Namen, lieber W. und lieber R., auch wenn ihr mich hundertmal fragt!)  
Damit auch heute das Kulinarische nicht zu kurz kommt: Die syrischen Freunde haben was Leckeres gekocht (für die deutsche Zunge unaussprechbar, für den Gaumen geniesbar), Nicole hat sich was ganz Originelles einfallen lassen. (Ist das der Baby-Boom nach der Krise?)

 

14:41 Uhr: Mundschutzpflicht in Halle beim Wochenmarkt. In Saarlouis Fehlanzeige.
17:39 Uhr: 20 Personen greifen zwei Polizeistreifen mit Dachlatten, Steinen und Eisenstangen an. Hubschraubereinsatz führt zum Fahndungserfolg.

Zurück in die Natur! Was könnten wir heute alles unternehmen? Man erinnert sich wehmütig an den letzten auswärtigen Osterurlaub, manch einer hatte schon damals vorgebucht. Corona-Realität: Gähnende Leere spätvormittags an der Saar bei Saarlouis. Kaum Radler unterwegs, Biergarten leer, Ausflugsschiff liegt still vor Anker.

Der Chronist hat gerade seine Stamm-Tankstelle am EKZ in Bous (niedrigster Preis) verlassen - Schreck, lass nach: Eine Blechlawine wälzt sich aus Richtung Völklingen via Bous in die Kreisstadt. Wahrlich: Die Kühlschränke sind wohl leer. Auf der Route nach Püttlingen versuchen sich zwei mittelalterlich E-Biker im Überholen meines 136 PS starken Gefährts – ich glaub’s nicht. Was Muskelkraft nicht schafft, soll der zweite Frühling mit Elektrokraft bewerkstelligen.

Leere Parks allerorten in Püttlingen, Köllerbach, Illingen. Wo sind denn alle Leute, die sich sonst hier in Gottes freier Natur aufhalten?

 

17:00 Uhr: Der Herr Bundespräsident warnt. „Wir sind verwundbar!“ Appelliert: „Geduld und Solidarität!“ Muntert auf: „Wir können und wir werden auch in dieser Lage wachsen.“ Kurzum: „Die Gefahr ist noch nicht gebannt.“

Genießen wir noch die Sonne. Ab Montag soll’s wieder kälter werden, dann muss man wohl oder übel wieder (die inzwischen verstauten) warmen Sachen rauskramen.
Machen wir’s wie Mona: Die Arme kuriert ihren Fuß, sie war in einen Nagel getreten (Gute Besserung!), hat Gelegenheit, den Fuß hoch zu legen und ihre schöne Bank zu nutzen.

 

Neuen Kommentar hinzufügen