Woche 2 „Social Distancing“

Blick auf die Saar vom Baumwipfelpfad aus
Foto: (c) WDSB-Pictures/Willi da Silva Borges

Wettlauf der Lockerungen

Vor Pfingsten drehte der Mai noch einmal den Temperatur-Turbo hoch, so dass zumindest im Outdoor-Bereich gegessen und getrunken werden konnte. Wen’s in die Gastronomie zog, der hatte nun reichlich Platz, wer’s lieber wie seit 11 Wochen zu Hause mochte, der verblieb in der heimischen Gemütlichkeit. Egal, wo man saß, luftig blieb‘s allemal.

Daran änderte sich auch nichts, während vielerorts (Gott sei Dank friedlich) gegen die Corona-Einschränkungen (die ja nun abgespeckt sind) demonstriert wurde. Freunde der Lockerungen und Theoretiker diverser Meinungsrichtungen  jubelten laut auf und sahen (und sehen sich noch) sich bestätigt: „Nur kleine Grippe, alles Blödsinn, Bill Gates hat verloren!“ Die mehr Achtsamen und Vorsichtigen hingegen üben sich weiterhin in Zurückhaltung, wobei man natürlich auch feststellen muss, dass es hier ebensolche Eiferer gibt wie auf der Gegenseite.

Hilfreich wäre da eine Nachricht aus dem All. Die am Samstag gestartete Crew mit Mission zur ISS könnte der Bevölkerung auf dem Erdball eine Message zukommen lassen, ob himmlische Heerscharen oder anders Uniformierte im Anmarsch auf unseren geliebten Planeten Erde sind. Vielleicht kann man dank hochmoderner Gerätschaften an Bord dem besorgten Bevölkerungsanteil Tag, Stunde und Sekunde der außerirdischen Invasion übermitteln und somit ein beruhigendes Zeichen an Vorwarnung geben. Man darf davon ausgehen, dass dann alle Corona-Leugner, Maßnahmen-Kritiker und Unmaskierte derart aufrüsten und sodann dem nahenden Feind mit Transparenten, Megaphonen und schöngeistigem Liedgut Paroli geboten werden kann.

Wer hat’s gewusst? Der Nylonstrumpf wurde 80 (Jahre). Was 1941 als reißfestes Material für die US-Army gedacht war, avancierte in den 50ern an Damenbeinen zum „Hit“. Später konnte ein Damenstrumpf (oder eine Strumpfhose) manchem Autofahrer als Ersatz für einen gerissenen Keilriemen dienen (das waren noch Zeiten!). Als Ost und West noch durch Mauer und Stacheldraht getrennt waren, galten Nylonstrümpfe (neben Kaffee) bei Besuchen als begehrtes Mitbringsel. Während Nylonstrümpfe (nicht nur wegen ihrer angeblichen erotischen Wirkung auf manche Menschen) weiterhin in der Modewelt ihren Platz haben, werden in Corona-Zeiten Masken aus Nylon geschneidert.   

Das große Stühle- und Tischerücken in der Gastronomie hat noch nicht zum großen Ansturm geführt. Einige Betriebe blieben bis dato sogar geschlossen. Die Betriebskosten bleiben unverändert hoch, manches Unternehmen hat nach wie vor Einbußen. Herbeizaubern lassen sich aber die Massen nicht.

Er rollt wieder – der Fußball, das runde Leder. Erste und zweite Liga spielen in so genannten englische Wochen (da wird nicht Englisch gesprochen, das orientiert sich am Spielbetrieb der englischen Profi-Liga, dort wird samstags und mittwochs gespielt) die Rückrunde zu Ende. Die Münchner Bayern marschieren dank einem Hansi Flick, einer stabilen Mannschaft und torreichen Ergebnissen  auf den 30. Meistertitel zu.

Den Meistertitel und somit den Aufstieg hat der 1. FC Saarbrücken dank Corona in der Tasche. Mit dem Rundenabbruch in der Regionalliga ist der FCS nunmehr Drittligist. Allerdings ohne eigenes Stadion. Dieses wird zurzeit für knapp 47 Millionen umgemodelt, „ligatauglich“ soll es sein, meinte OB Conradt. Kann man nur hoffen, dass auch der Club ligatauglich bleibt und nicht zur Fahrstuhlmannschaft mutiert.

Populistisch mutet die Forderung der saarländischen MdB’s Petry (SPD) und Luksic (FDP) nach einer Debatte darüber an, zum Pokalspiel des FCS gegen Bayer Leverkusen Zuschauer zuzulassen. Dem wird wohl nicht stattgegeben werden. Die Geisterkulisse soll durch Geistertickets (Preisstufen für Stehplätze von 5, 10 und Sitzplatz: 15 €) abgefedert werden – eine Idee, der schon viele Vereine gefolgt sind. Der Erlös soll an die FCS-Jugendabteilung gehen. Wenn wie beim Spiel Gladbach gegen Leverkusen (23.05.20) aufgestellt würden, würden sich dann Karl Lauterbach und Kevin Kühnert wieder „dazwischen schmuggeln“ lassen?

Übrigens steht in der Oberliga, die u.a. mit Elversberg, Diefflen, Völklingen und Wiesbach saarländisch bestückt ist, der offizielle Spielrundenabbruch bevor – dafür hat sich die Mehrheit der Vereine ausgesprochen. Mit Auf- und Abstieg haben die Saarländer nix am Hut, „Corona-Meister“ Schott Mainz wird in die Regionalliga klettern.

Der saarländische Volleyballsport hat ein weiteres Aushängeschild. Sportlich aufgestiegen sind die Volleyballer des TV Bliesen. Unter dem neuen (ehemaligen Luxemburger National-)Trainer Burkhard Disch will man sich in der 2. Bundesliga (Süd) behaupten. Die finanzielle Basis ist dank zahlreicher Sponsoren vorhanden. Seit Jahren sind die prowin Volleys (Damen) des TV Holz in der 2. Bundesliga etabliert, jüngst aufgestiegen sind die Damen der VSG Saarlouis in die 3. Liga Süd. Dort baggern und pritschen schon lange der TV Lebach und der SC Freisen, Vereine, die für ihre hervorragende Jugendarbeit weit über die Landesgrenzen bekannt sind. 

 

Dem Lockerungswettlauf der einzelnen Bundesländer steht nichts mehr im Wege. Im Saarland geht’s ab dem seit dem 01. Juni (Öffnungszeiten Gastronomie von 6 bis 23 Uhr) und ab 8. Juni lockerer zu: KiTas haben wieder Regelbetrieb. „Wasserratten“ (darf man das überhaupt sagen? Siehe Abschnitt zu „Glocken-Apotheke Saarlouis) dürfen sich freuen: Frei-, Strand- und Hallenbäder sowie Thermen dürfen öffnen. Das Bad in St. Ingbert bleibt aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Andere Bäder wiederum brauchen mehr Vorlaufzeit. St. Wendel ist „Fit“ und wird pünktlich zum Bad im kühlen Nass öffnen….das „Calypso“ in Saarbrücken hat bekanntlich wegen Insolvenz geschlossen.

Tanzschulen können öffnen, ab dem 15.06. darf wieder Kultur (Theater, Oper, Konzerte) genossen werden – alles unter den bekannten Auflagen. Die Abstandsregelung und das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung bleiben. Saunen, Diskos, Wellnesszentren und Shishabars bleiben vorläufig geschlossen.

Schlechte Zeiten für Konsumenten sexueller Dienstleistungen, Besucher von Bordellen und Swingerclubs. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen sieht übrigens keinen Unterschied zwischen „erotischen und nicht-medizinischen Massagen“. Es sei in diesem Zusammenhang mal daran erinnert, dass im Schatten der Rechtschreibreform die Berufsbezeichnung „Masseuse“ in „Masseurin“ umgewandelt wurde (wie auch „Friseuse“ zu „Frisörin“ wurde). Dies freute den Berufsstand der professionellen Fleisch-Kneterinnen, die sich von damals an gesprochen wie geschrieben von den nicht ausgebildeten Fleisch-Verwöhnerinnen unterschieden.

Apropos: Eine Gruppe Bundestagsabgeordneter um SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach nimmt die Corona-Krise zum Anlass, ein generelles Sexkaufverbot zu fordern. Vielleicht stöbern die Gegner käuflicher Zuneigung einmal in der Geschichte und nehmen zur Kenntnis, dass man nicht von ungefähr vom „ältesten Gewerbe der Welt“ spricht. In der Antike wurden Tempel zum Alibihort von liebeswilligen Priesterinnen, im Mittelalter gehörten die Marketenderinnen zum Tross der Soldaten, über hinlänglich bekannte Erscheinungsformen des Metiers in der Neuzeit muss der Chronist keine Ausführungen machen.    

Nicht unerwähnt soll eine Entscheidung des Landesverfassungsgerichts Berlin bleiben: Dieses hat vergangene Woche den Bußgeldkatalog für Verstöße gegen Corona-Bestimmungen teilweise außer Kraft gesetzt. Betroffen sind das Bußgeld für Verstöße gegen das Mindestabstandsgebot und das Gebot, physisch soziale Kontakte auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren. (Az VerfGH 81 A/20 vom 20.05.2020). Zur Begründung hieß es, die Formulierungen seien „zu unbestimmt“. BürgerInnen könnten „nicht klar erkennen, welche Handlung oder Unterlassung bußgeldbewehrt“ sei. Zur gesamten Verfassungsbeschwerde gibt’s allerdings erst später ein Urteil. Verstöße gegen Hygieneregeln oder Obergrenzen bei Versammlungen dürfen jedoch weiterhin mit Bußgeldern belegt werden – wohlgemerkt in Berlin.

Aufregung in Saarlouis um eine „Ausstellung“ auf Schautafeln unter dem Thema „Schimpfwörter in Saarlouiser Mundart“. Autoren waren/sind  Edith Braun und Karin Peter, beide renommierte Mundartforscherinnen. Unterteilt ist die Mundart-Wortgruppen in Bezeichnungen für „Freches Volk“, „Mistkerle“, „Nieten“, „Esser und Fresser“, „Dickschädel“ „Schleimer“ „Dummbeutel“ und „Streitlustige“, „Rüpel“, „Rohlinge“, “Launenhafte“ und „Nervensägen“ - alles noch keine Aufreger. Die sahen diverse Mitmenschen in der Wortgruppe „Anders-Artige“: Ganze acht Wörter (u.a. „Saarfranzos“, „Ticker“, Iwana“) gaben Anlass, um von „Rassismus“ und „Fremdenfeindlichkeit zu reden. Dem kritischen Aufschrei folgte die Entfernung der Deko-Tafel und eine Entschuldigung der Apotheken-Chefin. Es gibt aber auch inzwischen (klar und vernünftig denkende) Leute, die in der Auflistung keinen Grund zur Kritik sahen. Vorweg: Der Chronist ist allein schon wegen seiner Tätigkeit als Sprachdozent („Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache“) keineswegs rassistisch, geschweige denn fremdenfeindlich eingestellt. Als Nicht-Saarlouiser kennt er zudem ein „Schimpfwort“ gar nicht. Deshalb sieht er die Mundart-Präsentation aus rein germanistischer, sprachwissenschaftlicher Sicht – und von daher hat auch die Auflistung der besagten acht Wörter ihre Daseinsberechtigung, alles andere wäre eine Leugnung von schlimmem Vokabular, das einstmals benutzt wurde, aber völlig aus jeglichem Sprachgebrauch verschwinden sollte. Wie können wir unseren SchülerInnen klar machen, dass gewisse Wörter eine sehr negative Bedeutung haben, wenn wir ihnen nicht die Existenz dieser Wörter zeigen? Alles schön unter den Tisch kehren? Der Chronist ist auch nicht glücklich, wenn er als „Pälzer“ bezeichnet wird, weil er „aus’m Reich“ kommt (übrigens ist er Rheinhesse, da versagt wohl die saarländische Geografiekenntnis). Sind das „fremdenfeindliche Äußerungen“? Wohl kaum! Ist ja auch keine Mundart, aber ein bissel kränkend für manchen schon. Da klingt „Nordlicht“ wahrlich freundlich. Gänzlich anders verhält es sich jedoch damit: „Die Alte vom Müller, diese dämliche Kuh, dumm wie Schiffersch…e, sollte ihren A…h mal bewegen…, wenn der so’n A……..h ist, so’n dämlicher Hund …“ Dieses Vokabular ist umgangssprachlich gang und gäbe und ist nicht minder beleidigend als veraltetes, kaum noch gebräuchliches Vokabular einzelne Nationalitäten betreffend. Mangelnder Respekt gegenüber Mitmenschen ist mindestens genauso verwerflich wie eine rassistisch oder fremdenfeindlich anmutende Wortwahl.  

Wer noch aufnahmefähig ist für folgende kleine Wortkunde, der sollte weiterlesen. Was heißt „Mundschutz“ in verschiedenen Dialekten? Norddeutsch: Snutenpulli, Hessisch: Babbellappe, Kölsch: Schnüssjardinche, Schwäbisch: Maultäschle, Thüringisch: Fratzenschlüpper, Sächsich: Guschndeggl. Fehlt Saarländisch.

Am 31. Mai war „Internationaler Nichtrauchertag“. Bis zu 1.700 Tote jährlich im Saarland sollten Warnung genug an Raucher sein. Präventionsarbeit sowie ein Verbot von jeglicher Tabak- und Raucherwerbung müssten forciert werden, fordert die Landesärztekammer.

Da tröstet es, dass das Saarland im Frühjahr laut ARD-Wetterzentrum sonnigstes Bundesland, auch wenn mit 165 Liter pro Quadratmeter der erste Platz in der Regen-Hit-Parade belegt wurde. Wen juckt’s, dass die Durchschnittstemperatur 10,4 Grad betrug? Laut jüngster Prognose gibt’s keinen Hitzesommer.  

Pfingsten 2020: Erstmals sind keine neuen Coronainfektionen festgestellt worden – welch ein Lichtblick!

Zu guter Letzt: „Alkohol ist Wasser mit Gefühlen.“

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