Tag 6 M(askenpflicht)

Luftballons in einem Berliner Park
Foto: (c) Gerald Wind

Trotz weiterer Lockerungen: Daueraufgabe bleibt

(gew). Karnevalisten haben Visionen. Humorvoll kritisieren sie, treffen es auf den Punkt, weisen auf Lösungsmöglichkeiten hin und rufen aus der närrischen Rostra bis dato unbekannte Wortschöpfungen heraus. So geschehen 1981: Da stieg bei „Mainz bleibt Mainz –wie es singt und lacht“  der Chef der legendären „Gonsbachlerchen“, Joe Ludwig, als „Domschweitzer“ in die Bütt‘ und kolportierte unter Anderem den damaligen Papstbesuch in Mainz. Es war die Zeit, als man noch nicht überall bei McD am Autoschalter seinen „Börger“ samt Zutaten bestellen und am Auto-Bankschalter seine Bankgeschäfte tätigen konnte.  Und Joe Ludwig konstatierte von nahezu 40 Jahren: „Bankgeschäfte am Auto, des kann jo noch soi, awwer Auto-Kommunion, die gewwe mer net oi.“ Für den 3. Mai 2020 war dies weit vorausschauend. In St. Wendel wird nämlich am Sonntag (ja, während Ihr diese Zeilen lest) ein Auto-Gottesdienst gehalten –um 9.30 Uhr für die Protestanten, um 11 Uhr für die Katholiken. (Es bleibt offen, weshalb man keinen ökumenischen Gottesdienst auf die Beine stellen konnte.) Ob die Kommunion an diesem Sonntag ausgeteilt wird, weiß nur der „Chef“ ganz oben (wir werden berichten).
 
Ab Montag gilt vor der immer noch grassierenden Corona-Pandemie eine neue Rechtsverordnung. Ministerpräsident Tobias Hans stellte auf einer PK die neuen Bestimmungen vor. „Die Maßnahmen haben gewirkt.“ Er verband dies mit einem Dank an die SaarländerInnen, warnte aber vor Übermut: „Es ist ein Zwischenziel! Wir haben das Virus noch nicht besiegt! Es gibt noch kein Medikament, keinen Impfstoff.“ Ziel sei die grundsätzliche Bewegungsfreiheit unter der Maxime: Soviel Öffnung wie möglich, Einschränkung soweit notwendig.
Hans wies aber darauf hin: „Wenn eine Verschlechterung der Situation eintritt, dann wird es eine sofortige Änderung = Verschärfung geben.“Deshalb appelliere er an alle: „Es kommt auf jede/n Einzelne/n an! Anke Rehlinger ergänzte: „Es ist eine Daueraufgabe, die bestehen bleibt! Die Freiheit ist gewährleistet, es gilt das Recht auf körperliche Unversehrtheit.“

Was bleibt?
 

  • Abstandsregelung (1,50 bis 2 m), Maskenpflicht bei Einkauf und im ÖPNV, Hygienebestimmungen. Und: „Achtsamkeit, Wachsamkeit!“ (Tobias Hans)
  • Schließung von:  Kinos, Clubs, Discos, Shishabars, Theater, Opern-/Konzerthäuser, Messen, Fitnessstudios, sonstige Vergnügungsstätten, Hallen- und Freibäder, Saunen, Sporthallen, Sportplätze, Thermen, Wellnesszentren, Bordelle, Swingerclubs
  • Mitnahmeverkauf und Lieferservice gastronomischer Betriebe

Öffnen dürfen:
 

  • Schulen für Prüfungsklassen und Prüfungen, ab 11. Mai nächster Schritt für Öffnung für weitere Klassen geplant  
  • Spielplätze unter Schutzvorkehrungen der Kommunen
  • Fort- und Weiterbildungsinstitutionen, VHS, Musik-/Kunstschulen, Hochschulen hatten schon vorher Lockerungen
  • Frisöre, Kosmetik-, Nagel-, Toto-, Piercing-Studios, Fußpflegepraxen
  • Museen, Zoos, Freizeit- und Tierparks
  • Fahrschulen zur Schulung / Prüfungen von Berufskraftfahrern und Motorradfahrern

Möglich sind:
 

  • Schrittweiser Ausbau der Betreuung und Notbetreuung in KiTa‘s
  • Gottesdienste und Gebete unter freiem Himmel sind schon seit Freitag zugelassen, in Räumlichkeiten nur bei begrenzter Teilnehmerzahl
  • Bestattungen sind mit Ausnahmegenehmigung der Kommunen in größerem Umfang möglich
  • Filmvorführungen in Autokinos
  • Schrittweise Lockerungen im Grenzverkehr

Aufgehoben ist:
 

  • 800m²-Regelung, es gilt: pro 20m² ein Besucher/Kunde

Für die Gastronomie wird zeitnah in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Verband ein Konzept erarbeitet. Das  Servieren von Speisen und Getränken, Schutz von Personal und Gästen muss unter Einhaltung der Sicherheitskonzepte gewährleistet werden. „Zeitliche und wirtschaftliche Perspektive muss gegeben werden!“  (Anmerkung: Wie soll denn das funktionieren?

Drei (die Zeitgenoss/inn/en nicht überraschende) Feststellungen traf Tobias Hans:
 

  • Saarland = Sportland: Kontaktarme Sportarten wie Tennis sowie Individualsportarten im Breiten- und Freizeitbereich dürfen unter bestimmten Voraussetzungen betrieben werden. Ausnahmen gibt es für Profis.
  • Saarland = Genussland: Zeitnah, bis zum Monatsende, wird ein Konzept erarbeitet.
  • Saarland = Grenzland: Schrittweise Erleichterungen im Grenzverkehr werden eingeführt.

So weit, so gut! Oder? Dass nicht alles aufgehoben, manches verschoben wird, war klar.

Doch der Chronist fragt sich: Wie soll das alles funktionieren?

Schulen: Das Lehrpersonal, das zu den Risikopatienten zählt (Vorbelastung wie Herzpatient etc., 60 plus), tritt nicht an. Da muss für Ersatz gesorgt werden. Niemand weiß, ob latent Infizierte im Kollegium oder unter den Schüler/inne/n sind. Wie werden die Hygienebestimmungen und Abstandsregelungen auf dem Pausenhof, im Toilettenbereich eingehalten? Muss eine Maske in bestimmten Situationen getragen werden? Wie werden inkludierte/körperlich benachteiligte Schüler/innen betreut? Und wie geht man mit deren Betreuungspersonen um?

 

Sportland: Jojo, Hometrainer, einarmiges Flaschenstemmen, zentnerschwere Mitmenschen in Zweisamkeit stemmen, Laufen, Radeln, Skaten bis zu fünf TN, Tagestouren allein(zu Zweit/zu Fünft – a lles ist möglich! Sechster Mann, sechste Frau ist neue Gruppe ….

Genussland: Schmerzlich ist’s für die Gastronomie. Zwar soll „zeitnah“ ein Konzept erarbeitet werden, aber bis Monatsende wird sich nix tun. Stellen wir uns das mal bildlich vor: Mit Ehefrau, Partnerin, Familie darf man „auf engem Raum“ im Lokal zusammensitzen, mit Fremden nicht. Wer will kontrollieren, wer zur Familie gehört? „Guten Abend, wieviele Personen ?“ „Sieben.“ – Gerne, wer ist das alles?“ „Meine Ehefrau, mein ältester Sohn, mein Bruder, meine Schwägerin,  meine Patentante.“ „Das sind aber nur sechs Personen. Wer ist der Herr da bitte?“ – „Oh, sorry, das ist der Hausfreund.“ Es handelt sich also um Personen des täglichen Umgangs, engster Verwandtschaft (Hausfreund?), deren Viren, Bazillen, Bakterien, Keime uns so oft um die Ohren fliegen, dass wir dagegen immun sind. Problematisch wird’s am Nachbartisch, zwei Meter Abstand, da sitzt eine zahlenmäßig größere Sippe, am dritten Tisch gar ein ganzer Clan alle ohne Maske. Diese ist jedoch vom Personal zu tragen, darunter schwitzend und jeglichen Juckreiz unterdrückend – mehrere Stunden lang. Im Küchenbereich ebenso. Ob die Maske beim Auftragen einen Knick in der Optik hervorruft und deshalb manche Suppe im Dekolleté der angeheirateten Frau Doktor („Ich bin Frau Doktor Müller.“ „Aha, worin haben Sie denn promoviert?“ – „Ich bin die Frau von Dr. Müller!!!“) landet – das möge niemals eintreten! Konzeptplaner, Ihr müsst schon einige Szenarien entwerfen, die funktionieren! Wird mit beim Auftragen mit Handschuhen serviert? Beim Kassieren muss der Handschuh abgelegt werden, denn Bargeld oder Kreditkarte lassen sich nicht so einfach greifen. Oder geht’s wie beim Chinesen bzw. beim kürzlich Pleite gegangenen Vapiano? Drinnen essen, vorne zahlen.  

In einem Atemzug ist da auch das Hotelgewerbe zu nennen. In einer Ferienwohnung ist man Selbstversorger, in dem vom Chronisten in Berlin oft als Stammquartier genutzten „Spiegelturm“ geht das jedoch nicht. (Anmerkung: Der Chronist würde sich in der 12. Etage mit Blick über Spandau einer Selbstversorgungsmöglichkeit nicht verschließen. Zudem taugt manche Unterkunft wegen schlechter Essensqualität und mangelhafter Reinigung nur zum Verweilen in Eigenleistung.)

 

Grenzland: Leute zeigt Vernunft! Auch hier kommen schrittweise Lockerungen, aber erst dann, wenn die Infektionszahlen zurückgehen. Tobias Hans: „Wir haben auf beiden Seiten die gleichen Probleme.“ In diesem Zusammenhang sei einmal angemerkt, dass die gegen Innenminister Bouillon erhobenen Vorwürfe einer Fremdenfeindlichkeit unsinnig sind. Der Chronist hat den Mann (da war er Bürgermeister) jahrelang in St. Wendel auftrags einer Tageszeitung journalistisch begleitet, u.a. in die Partnerstadt Rézé, hat die hervorragende Gemeinschaft zwischen deutscher Bevölkerung und französischer Garnison beobachtet. Es geht hier wie da um den Schutz, um den Erhalt der körperlichen Unversehrtheit. Und das auf’s Spiel zu setzen, nur weil bei Globus in Saarlouis oder in Saarbrücken billiger eingekauft werden kann. Der Chronist meidet derzeit auch Cora in Forbach und seine Stammtanke in Schengen. Die Berufspendler haben natürlich ihre Eigendynamik.

Tagsüber hat man Gelegenheit, sich mit Mitmenschen zu unterhalten, die man unter der Maske gerade noch so identifizieren kann. „Ah, Frau E……, lange nicht gesehen!“ – Zögerliches, fragendes: „Hm!?“ Dann Sekunden später: „Ach Sie sind’s! Ich denk‘, Sie sind in Berlin!“ – „Na, Sie sehen doch, ich bin hier, mit Maske, lach.“- Jaja, die lieben Mitmenschen! „Mensch, Marietta, brauchschd Dich net ze verbooze, isch han Disch erkannt!“ Die Hand der Erkannten geht instinktiv zur Maske, zuckt wieder zurück, das Demaskieren wie an Weiberfaasend in Saarwellingen beim Greesenball entfällt, der jetzige Spandauer KC-Präsident erkennt seine einstige Ochsitoriums-Büttenrednerin aus der Oberstadt auch mit verbundenen Augen.

Und was meinen viele Leute sonst noch so? Sie sehen eine zweite Welle kommen …  halten viele Lockerungen für verfrüht.

Sechs Wochen verlief das Einkaufen schaumgebremst. Schaut man sich um, so sind auch nach Lockerung der Ladenöffnungszeiten keine Anstürme auf die Geschäfte zu verzeichnen. Besonders ruhig ist’s werktags nach 18 Uhr, samstags nach 15/16 Uhr. Warum kehren wir nicht wieder zu reduzierten Öffnungszeiten zurück. Bis 20 Uhr muss nicht sein, schon gar nichts samstags. Gönnen wir dem Personal Ruhe! Die Konzerne verdienen eh genug

Was bleibt nach so einem themenmäßig trockenen, aber teilweise regnerischen Tag noch zu sagen?

 

Zu guter Letzt: An alle, die ihre Hochzeit wegen Corona absagen mussten: Es gibt eine zweite Chance, das Ganze noch mal zu überdenken.

 

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