Zauberwort "Brauchtum"

gw. Der ehemalige Mainzer Karnevalist Herbert Bonnewitz ("Prinz Bibbi") meinte in den 70er Jahren einmal: "Fastnacht is e ernst Sach' - für die, die se mache"!

Ernst wurde es für die Narren an der Saar seit spätestens Mittwoch: Da erlebten am 11.01.20 einige im Dudweiler Bürgerhaus die schroffe Zurückweisung der für den FuKa Oberlinxweiler als Vereinsrepräsentantin auftretenden "Zarin" (ein Mann!) durch den Veranstalter "Grüne Nelke". Als begründung wurde das Zauberwort "Brauchtum" vorgebracht. Kaum 72 Stunden später sorgte die Nichtzulassung des gleichgeschlechtlichen "Rebläuse" Prinzenpaares (zwei Damen) zum Wettbewerb "Prinzenpaar des Jahres" für hohe Wellen in den landesweiten Medien und auf den sozialen Plattformen. In einem zeitgleich verbereiteten "Knigge-Hinweis" zum Sprachgebrauch "Faasend, Fastnacht, Karneval" hatte der VSK mit dem Zauberwort "Brauchtum" um standardisierten Sprachgebrauch geworben. Die "Rebläuse" gingen schneller an die Öffentlichkeit als die "Zarin". Ein Satement jagte das andere. In seiner schriftlichen Stellungnahme wie auch in Telefoninterviews aalten sich der VSK und sein Präsident Hans-Werner Strauss (kurz: HWS) immer wieder im Zauberwort "Brauchtum". Auf dieses hatte er schon am 04.01.20 zum Auftritt der "Zarin" beim Ordenfest des "Pfaffenkopf" Dudweiler verwiesen, als die närrische FuKa-Vertreterin in ihrem Begrüßungsgedicht erwähnte: "Faasnd ist für alle da." Das anfängliche Belächeln des Erscheinungsbildes der närrischen homophilen Mitstreiter/innen ist ernsten Mienen gewichen. Die - wie kann es auch anders sein - aufgebrachte Narrenschar schrieb sich die Finger im Internet wund, bekundete Sympathien, begleitet von ermunternden Kommentaren aus der manchmal auch "närrischen" politischen Ecke. Man konnte aber auch damit rechnen, dass nicht alle Diskutanten auf der Seite der Geschmähten standen - da fiel das Wort "Trittbrettfahrer", ohne dass die Autorin die Vorgeschichte kannte. Beim Ordensfest des "Hoppeditz" in Neunkirchen geriet die Ordensverleihung zum Begleitprogramm, denn in den Medien folgte Meldung auf Meldung.

Zugegeben: Die Faasend an der Saar und auch überregional ist nicht der Bauchnabel des Lebens, aber sie gehört nun einmal zu unserem Kulturgut, stolz und humorvoll zugleich "Fünfte Jahreszeit" genannt. Im Saarland widmen sich tausende begeisterter Menschen seit Jahrzehnten in ihrer Freizeit dem Frohsinn - sie schlüpfen in Kostüme, "verboozen" sich, singen, tanzen sportlich, texten in Prosa und Dichtung, kurzum: sie unterhalten andere. Sie opfern ihre Freizeit, manche nehmen Urlaub und dafür soll es im Jahre 2020 eine Maßregelung geben für diejenigen, die eien andere Lebensform gewählt haben? Frei nach dem Motto: Das war so, das ist so, das wird immer so sein. In der Politik spricht man von Oberen, die keinen Änderungen zugänglich sind, von "Betonköpfen". Und im gleichen Ressort, nennt man diejenigen, die schnell eine Kehrtwendung vor anhaltender Kritik vollziehen, sich aber weiterhin im Dunstkreis der ehemals Gescholtenen sonnen wollen, "Wendehälse". Die saarländischen Narren brauchen weder die einen noch die anderen! Sich in Gutsherrenart und Selbstherrlichkeit hinter einer Vokabel zu verschanzen, ohne konkrete Belege aus einer Satzung vorzulegen, der gibt sich der öffentlichen Kritik preis. Wer seine Interpretation von "Brauchtum" über die Gesetzeslage und die durch diese geregelten modernen Lebensformen stellt, der lebt in einer anderen Welt. Wer nicht versteht oder in der Vergangenheit verstanden hat, dass "Brauchtum" keinem Stillstand unterliegt, sondern auch wie ein Schwamm den Zeitgeist aufsaugen muss, für den ist es Zeit zum Umdenken, aber fern jeglicher weiterer Funktionärstätigkeit. Im Zauberwort "Brauchtum" steckt das Verb "brauchen" - da meint der Narr: "Solche Leute brauchen wir nicht!"

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